{"id":98,"date":"2023-12-19T15:13:39","date_gmt":"2023-12-19T14:13:39","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=98"},"modified":"2023-12-19T15:13:41","modified_gmt":"2023-12-19T14:13:41","slug":"der-andere-vibe-von-grossstadtmaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=98","title":{"rendered":"Der andere Vibe von Gro\u00dfstadtm\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich fand ehrlich gesagt den Titel ganz cool, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher, wo das hinf\u00fchren wird. Mir ist vor kurzem nochmal aufgefallen, wie stark mich M\u00e4rchen gepr\u00e4gt haben. Meine Eltern haben zu Hause einen Haufen an Krimskrams und B\u00fcchern und da sich die Wohnung meiner Eltern immer nur minimal ver\u00e4ndert, st\u00f6ber ich da immer wieder rum. Und obwohl die Sachen ja immer die gleichen sind, sind sie doch immer wieder anders, weil ich meine Eltern nur alle paar Monate besuche und in der Zeit wieder neue Einblicke bekomme oder neue Erfahrungen mache.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal stie\u00df ich auf einige vietnamesische M\u00e4rchen und fing an ein wenig in den alten Geschichten zu st\u00f6bern. Auch fr\u00fcher habe ich viele M\u00e4rchen und Fabeln mitbekommen. Als ich noch in der Grundschule war, war der Bibliotheksbesuch f\u00fcr mich immer ein besonderes Ereignis. Wir sind mit meiner Mutter immer mit dem Auto zur \u00fcbern\u00e4chsten Bibliothek gefahren. Sie war zwar etwas weiter weg, aber daf\u00fcr gab es eine gr\u00f6\u00dfere Auswahl, da das der Hauptbibliothekszweig des Bezirks war. Und ich kam eigentlich nie nach Hause ohne paar H\u00f6rb\u00fccher oder das magische Baumhaus. Als Grundsch\u00fcler hatte ich ja auch noch einen sehr \u00fcberschaubaren Horizont. Ich spielte blo\u00df in meinem Block oder im Park und wenn es weiterging, fuhren mich meine Eltern hin. Bis auf die wenigen Kids (von denen ich mit niemanden mehr Kontakt habe) hatte ich ja nicht so viel zu tun, au\u00dfer zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heutzutage schaue ich ja ganz anders darauf zur\u00fcck. M\u00e4rchen habe ich damals nur konsumiert, weil mir die Geschichten gefallen haben. Weil meine Mama mir auch die Sch\u00f6nheit der Natur n\u00e4herbringen wollte (oder so \u00e4hnlich). Die Geschichten m\u00fcssen ja auch simpel sein, damit sie Kinder verstehen. Das bedeutet, dass in einem M\u00e4rchen immer nur wenige Hauptcharaktere vorkommen und es nicht allzuviele Nebenschaupl\u00e4tze gibt. Zudem spielen &#8222;magische Elemente&#8220; mit hinein, die als ganz nat\u00fcrlich angesehen werden. All das hat meinen Kopf vielleicht ein wenig wuschig gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus einer soziologischen Sicht w\u00fcrde man heute sagen, dass M\u00e4rchen vor allem dazu da sind, um Menschen moralisch zu erziehen. Und gerade bei vietnamesischen M\u00e4rchen finden sich immer wieder die selben Themen: Die Hauptfigur ist ein einfacher Mensch, der sich ehrlich seine Arbeit verdingt. Dann passiert irgendein wichtiges Ereignis (eine Frau wird eingef\u00fchrt, ein hinterlistiger Betr\u00fcger kommt), dann widerf\u00e4hrt dem Protagonisten irgendwas Schlechtes, aber durch seine guten Taten bekommt er viel Hilfe oder eine \u00fcbernat\u00fcrliche Kraft greift ein, die dann doch f\u00fcr Gerechtigkeit sorgt. Und was auch auff\u00e4llt, ist das die Protagonisten, die ja irgendwie sympathisch dargestellt werden, immer ehrlich sind und manchmal auch ein bisschen naiv dumm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, das pr\u00e4gt auch so ein wenig die vietnamesische Moral, auch die Geschichten passen ja gut zur kommunistischen Ideologie. Weil es eben Geschichten sind, die die einfachen Menschen als Helden auftreten lassen. Weil daran auch die Mehrheit der Menschen glauben m\u00f6chte, dass das Gute siegt. Und genau darin liegt auch die moralische Erziehung, dass man durch die Identifikation mit den Protagonisten eine \u00e4hnliche eigene Moral aufbaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch das Leben ist kein M\u00e4rchen. Je \u00e4lter ich wurde, desto mehr Menschen drangen in mein Leben ein. Und eigentlich spielten die meisten Geschichten immer auf verschiedenen Schaupl\u00e4tzen und die Probleme sind auch einfach komplexer als in M\u00e4rchen. Und zudem ist Gott in letzter Zeit ziemlich ein Arschloch. Ich wei\u00df nicht so genau, was ich davon halten soll.<\/p>\n\n\n\n<p>In Russland wird die Literatur ganz anders dominiert. Dort sind die klassischen Geschichten immer eingewoben in Kampf und Krieg. Das liegt nat\u00fcrlich auch an der russischen Geschichte und der orthodoxen Kirche. Ich habe nur mal paar B\u00fccher von Dostojewski angelesen, auch mich mit ein wenig russischer Poesie besch\u00e4ftigt und immer findet sich dort ein klagender Ton und die Darstellung eines ewigen Kampfes in der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und deutsche M\u00e4rchen fallen mir gerade gar nicht so viele ein (und das obwohl ich fr\u00fcher immer Simsalagrimm geschaut habe). Und ich h\u00f6re auch niemanden mehr, der \u00fcber so etwas schreibt. Deutschland ist ein Land geworden, welches sich seiner Geschichten allm\u00e4hlich entleert. Es geht um Fakten, Ordnung und B\u00fcrokratie. Was macht ein Mensch, der mit M\u00e4rchen aufgewachsen ist? Es kann blo\u00df zu einer Entfremdung f\u00fchren, wenn die M\u00e4rchen einem Realit\u00e4tscheck unterzogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir leben auch nicht mehr in einer Welt, in dem der Horizont keine f\u00fcnf Kilometer weit geht. M\u00e4rchen sind so toll, weil sie einfach zu verstehen sind und uns einen moralischen Kompass bieten. Aber in der heutigen Zeit ist nichts mehr einfach zu verstehen. Man hat ja keine Zeit, sich auf so einen Kinderkram einzulassen. Und zudem sind wir nun so stark in der heutigen Technologie verwurzelt, dass ein M\u00e4rchen immer wie aus einer anderen Zeit wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch w\u00e4re es m\u00f6glich ein M\u00e4rchen in der heutigen Zeit zu schreiben? Ich glaube schon, doch sie w\u00fcrden unter ganz anderen Bedingungen entstehen. In einem M\u00e4rchen sind die Menschen einfache Arbeiter und Bauern, die sich um sich selbst sorgen k\u00f6nnen. Sie sind nicht so arbeitsspezialisiert, wie in der heutigen Zeit, haben nicht so viel Freizeit. Es sind ganz andere N\u00f6te da, die einen wirklich bange um die Existenz machen. Aber heutzutage kl\u00e4nge das ja alles d\u00e4mlich. Es gibt halt auch nicht mehr sowas wie einen Bauern mit seiner Familie, der sonst nur die 10 Atzen vom Marktplatz kennt. Dann hat er noch so ne s\u00fc\u00dfe Tochter, die heiratswillig ist und dann kommt eine schlechte Ernte und irgendjemand soll sich beweisen und dann verliebt sich die Tochter. Ja, nein. Heute wird alles online erledigt, die Leute gehen nicht mal mehr hinaus, um sich miteinander zu unterhalten. Und eine Reduktion auf wenige Hauptcharaktere erscheint auch immer schwieriger. Und wir haben keine K\u00f6nige mehr, sondern die Macht ist auf mehrere hundert Leute verteilt, die alle selbst keinen Plan haben, wie sie das Leben der Bev\u00f6lkerung verbessern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe nat\u00fcrlich auch zu, dass M\u00e4rchen ein viel zu einfaches Bild von der Gesellschaft zeigen und dass sie ja auch zur Unterhaltung da sind. Aber ich glaube so ganz kann man sich emotional sich ihnen nie verschlie\u00dfen und gerade das macht einen gerade so traurig. Zum einen fiebert man in Geschichten richtig mit, gleichzeitig erscheint das eigene Leben aber so entzaubert, dass man ja mehr Zeit damit verbringt, irgendwie zu existieren, aber nicht sein Leben zu <em>f\u00fchren<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist hier super schwierig zu differenzieren, aber mir kommt es so vor, als ob M\u00e4rchen so aktuell sind wie nie, aber ihre Inhalte sind eigentlich total aus der Zeit gefallen. Und man m\u00fcsse es irgendwie schaffen, wenn man denn \u00fcberhaupt noch an Geschichten interessiert ist, den M\u00e4rchengeist heutzutage wieder einzufangen. Abseits von all den wenn&#8217;s und aber&#8217;s und realit\u00e4tsduseligen Fragen. Aber ein Gro\u00dfstadtm\u00e4rchen ohne Tinder k\u00f6nnte ja doch den Eindruck erwecken, dass das ganz sch\u00f6n weit entfernt von der Realit\u00e4t ist (auch wenn es nicht sein m\u00fcsste).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich fand ehrlich gesagt den Titel ganz cool, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher, wo das hinf\u00fchren wird. Mir ist vor kurzem nochmal aufgefallen, wie stark mich M\u00e4rchen gepr\u00e4gt haben. 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