{"id":89,"date":"2023-10-05T16:57:02","date_gmt":"2023-10-05T15:57:02","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=89"},"modified":"2023-10-05T16:57:46","modified_gmt":"2023-10-05T15:57:46","slug":"dialektik-des-gefuehls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=89","title":{"rendered":"Dialektik des Gef\u00fchls"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Gesellschaft scheint an einem Punkt angekommen zu sein, bei dem an vielen unterschiedlichen Bereichen eine Pervertierung von erstmals gro\u00dfartigen Fortschritten passiert. Die Welt wird immer komplexer, doch trotzdem wird immer noch an alte Muster festgehalten, da sie sich bew\u00e4hrt hatten. Und immer wieder wird orakelt, dass die Menschheit doch aus ihrer Geschichte lernen solle. Doch wer annimmt, dass die hehren Ideen aus der alten Zeit noch auf die heutige Zeit anwendbar sind, muss wohl selbst einem altert\u00fcmlichen Lebensideal anh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, dieses Jahr war ein besonderes, weil es ein Jahr ist, an dem ich mich aus dem intellektuellen Diskurs zur\u00fcckgezogen habe. Nicht, dass ich irgendwas Publizierbares hervorgebracht habe, es ist eher so, dass viele Dinge ihre Relevanz f\u00fcr mich verloren haben. Und das, obwohl man ja annehmen k\u00f6nnte, dass das Ewige (Wahrheit, Ideen, Religion oder was wei\u00df ich) doch immer Relevanz haben sollte. Doch gerade das Ewige, an dem sich Menschen so gerne festhalten, hat sich f\u00fcr mich dieses Jahr als Hochstapelei entpuppt. Das, was als das Ewige betitelt wird, ist doch eigentlich nur eine spontane Laune, irgendwelche Stabilit\u00e4t in der eigenen Gedankenwelt zu beschw\u00f6ren. Best\u00e4ndigkeit war nie vorgesehen. Was vorgesehen war, ist die ewige Ver\u00e4nderung und Mutation der Natur an die Umst\u00e4nde. Und wo keine ewigen Umst\u00e4nde sind, gibt es auch keine Konstante.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Konstante, die bei mir in den letzten vier Jahren bestand, ist die R\u00fcckbesinnung auf die eigene Empfindung. Empfinden ist hierbei die Vorstufe des Denkens. Im Buddhismus wurde dies als Mu\u00dfe gelobt, der Empfindung den Vorrang zu geben, da das Denken danach trachtet, das Konkrete im Abstrakten zu verlieren. Im Flusse der Zeit hat sich eine gewisse Konvergenz herausgebildet, die wir heute Wissenschaftsbetrieb nennen. Und jedes Jahr kommen neue Begriffe hinzu, die neue Abstraktheiten fassen m\u00f6chten. Doch die Frage ist ja, ob das wichtig f\u00fcr die individuelle Lebensf\u00fchrung. Meistens lautet die Antwort nein. Und wenn sie ja lautet, dann entweder aus kapitalistischem Interesse oder aus dem Bed\u00fcrfnis nach geistiger Masturbation.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Empfinden ist jedoch nicht ganz so einfach. Das Positive am Denken ist, dass es die eigenen Empfindungen filtert, sie benennt und konzeptualisiert und schlie\u00dflich, dass sie damit die komplexe Realit\u00e4t auf einen \u00fcberschaubaren, wenn auch abstrakten, Begriffsschatz reduziert. Die Komplexit\u00e4tsreduktion ist auch n\u00f6tig, um zu leben und zu \u00fcberleben. Es bringt ja nichts, alles ungefiltert aufzunehmen, wenn es keine Relevanz f\u00fcr die eigenen Ziele hat. Insbesondere wenn es sich um kollektive Ziele handelt, ist ja irgendeine Reduktion auf eine Kommunikationssprache notwendig, um \u00fcberhaupt handlungsf\u00e4hig zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>In der feministischen Debatte ist eine Empfehlung entstanden, die ich die letzten Jahre sehr behutsam befolgt habe. Sich mit sich selbst auseinandersetzen, Gef\u00fchle artikulieren und zwischenmenschliche Beziehungen st\u00e4rken. Durch bewusste Achtsamkeit und Aufmerksamkeit des Selbst sollen insbesondere m\u00e4nnlich-sozialisierte Menschen mit ihrer Gef\u00fchlswelt auseinandersetzen und sie artikulieren lernen. Und ich denke, das hat bei mir die letzten Jahre auch gut funktioniert. Ich h\u00f6re auch aus alten Freundeskreisen, dass es da ein gewachsenes Bewusstsein gibt und es vielen schwer f\u00e4llt, ihre eigene Gef\u00fchlslage pr\u00e4zise zu beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Man nimmt an, dass ein K\u00f6rper in unterschiedlichen Gef\u00fchlszust\u00e4nden andere Bed\u00fcrfnisse hat. Wer w\u00fctend ist und sich dessen selbst nicht aktiv bewusst ist, l\u00e4sst sich von seinen Gef\u00fchlen \u00fcbermannen und geht in einen Rage-Modus \u00fcber, in welchem auf Autopilot \u00fcber alles m\u00f6gliche geniert wird, und zu fragw\u00fcrdigen Taten motiviert wird. Wer traurig ist, der ben\u00f6tigt Trost und einen Ruhepol zur Verarbeitung. Wer fr\u00f6hlich ist, kann mit Tatendrang motiviert sein und zu unglaublichen Dingen befl\u00fcgelt werden. Doch all dies muss erstmal ausgetestet werden. Denn welche Handlung der eigenen Person in welchem Gef\u00fchlszustand gut tut, kann nur durch Trial-And-Error herausgefunden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Davon abgetrennt gibt es einen funktionellen Zustand, der sich den eigenen Gef\u00fchlen verschlie\u00dft. Gef\u00fchle sind in diesem Modus unterdr\u00fcckt, da sie keinen instrumentellen Nutzen haben. St\u00e4ndig gibt es irgendwelche Anforderungen an das selbst, um die Selbsterhaltung und Lebensf\u00fchrung zu bew\u00e4ltigen. Es macht doch schlie\u00dflich keinen Unterschied, ob man w\u00fctend, traurig oder fr\u00f6hlich die Waschmaschine einr\u00e4umt, wenn das einzig relevante die saubere W\u00e4sche ist. Aber es w\u00e4re t\u00f6richt anzunehmen, dass Gef\u00fchle keine Rolle spielen in der Handlungsauswahl. Insbesondere wenn man nicht wei\u00df, was man denn \u00fcberhaupt f\u00fcr ein Gef\u00fchl f\u00fchlt, beginnt man instinktiv zu handeln. Und da Menschen so eine komische Lebenswelt haben, die mit einer H\u00fclle und F\u00fclle von Bildschirmen \u00fcberf\u00fcllt ist, sind ihre Instinkte meistens sehr schlecht ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Nutzen der Gef\u00fchlsbeobachtung ist daher, dass man sein instinktives Handeln reflektiert und entsprechend evaluiert, ob das Handeln im gewussten Umfeld gerechtfertigt oder ad\u00e4quat ist. Durch das Bewusstwerden des Unbewussten entsteht eine selbstverst\u00e4rkende Schleife, in der das eigene Empfinden mit dem eigenen Denken in Deckung gebracht werden soll. Zumindest ann\u00e4herungsweise, denn wie oben behauptet, geht das Denken \u00fcber eine Empfindung mit einer abstrakten Reduktion der Empfindung ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem ist nun, dass wir feststellten, dass das Denken den Nutzen hat, zu filtern. Unwichtiges oder unkorrelierte Wahrnehmungen sollen au\u00dfen vor bleiben. Doch wenn man f\u00fchlt, f\u00fchlt man nicht blo\u00df &#8222;ein&#8220; Gef\u00fchl, welches dann mit k\u00f6rperlichen Symptomen zusammenf\u00e4llt, die irgendwie da sind. Wenn man rennt, dann hat man Herzklopfen, doch dadurch ist man nicht verliebt. Achtsamkeit \u00fcber sich selbst kann durch &#8222;falsche&#8220; Reflektion dadurch f\u00fchren, dass die Aufmerksamkeit auch auf dasjenige gerichtet wird, was ja eigentlich gefiltert werden sollte. Die Pervertierung beginnt dann an dem Punkt, an dem das Unbewusste, welches in das Bewusstsein geholt wird, den Organismus \u00fcberlastet. Das Achtsam-Sein f\u00fchrt dann zur Dysfunktionalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Die abschlie\u00dfende Frage, die hier gestellt wird, ist: Ab welchem Zeitpunkt f\u00fchrt gesteigerte Achtsamkeit \u00fcber die eigenen Gef\u00fchle zu einer Umkehrung des Nutzens? <\/p>\n\n\n\n<p>Das Denken selbst dar\u00fcber scheint mir schon ein Zeichen daf\u00fcr zu sein, dass ein Pervertierungsprozess bereits in Gang gesetzt wurde, in dem die Komplexit\u00e4t der Welt nur noch durch Reduktion des eigenen Horizonts und durch aktives Nichtbewusstsein verst\u00e4ndlich gemacht werden kann. Und vielleicht liegt hier die Krux darin, dass Menschen beginnen, sich in Arbeit, Politik oder Drogen zu fl\u00fcchten, weil irgendetwas in ihnen ausgel\u00f6st wurde, welches eine Blockade des Selbstschutzes und der Stagnation als alternativlos erscheinen l\u00e4sst. Aber die Frage, so abstrakt sie gestellt ist, l\u00e4sst nur eine konkrete, subjektive Antwort zu, die den Umst\u00e4nden ad\u00e4quat ist. Schwierig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gesellschaft scheint an einem Punkt angekommen zu sein, bei dem an vielen unterschiedlichen Bereichen eine Pervertierung von erstmals gro\u00dfartigen Fortschritten passiert. Die Welt wird immer komplexer, doch trotzdem wird immer noch an alte Muster festgehalten, da sie sich bew\u00e4hrt hatten. Und immer wieder wird orakelt, dass die Menschheit doch aus ihrer Geschichte lernen solle. 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