{"id":86,"date":"2023-04-28T07:16:00","date_gmt":"2023-04-28T06:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=86"},"modified":"2023-04-28T07:16:02","modified_gmt":"2023-04-28T06:16:02","slug":"die-demut-vor-kontrolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=86","title":{"rendered":"Die Demut vor Kontrolle"},"content":{"rendered":"\n<p>Es wundert mich, wie der Kontrollradius von einem random Menschen konzipiert ist. Wenn jede:r um sich selbst sorgt, dann ist f\u00fcr alle gesorgt. Doch das sich-Sorgen ist einfach k\u00f6rperlich und psychisch beschr\u00e4nkt. Einigen Menschen gelingt dies nicht, weil sie Gewohnheiten haben, die so fundamental selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr sie sind, dass sie glauben, dass sie sich selbst verlieren oder verraten w\u00fcrden, wenn sie es wagen, diese zu hinterfragen. Anders ausgedr\u00fcckt: Manches will man gar nicht \u00e4ndern. Aus einem Gef\u00fchl heraus. Und oftmals h\u00e4ngen ja auch noch andere Gewohnheiten und Attit\u00fcden von den &#8222;fundamentalen&#8220; ab. Und das bedeutet Anstrengung und Reflektionsleistung f\u00fcr den Organismus, der ja lieber darauf bedacht ist, einen chilligen Gleichgewichtszustand einzunehmen. Aus energetischer Sicht ist das sich-Ver\u00e4ndern eine eher abzulehnende M\u00f6glichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00e4ndert sich, wenn die eigene Verhaltens\u00e4nderung einen so langfristig positiven Effekt hat, sodass dieser Gewinn den Energieverlust mindestens aufwiegt. Der reward, der aus Ver\u00e4nderung einer Denk- oder Verhaltensweise entsteht, muss gr\u00f6\u00dfer sein als dessen ben\u00f6tigter Aufwand. Nun kommt es zu zwei Problemen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Wie hoch dieser reward bewertet wird, h\u00e4ngt von meinem Wissen \u00fcber meine Umwelt ab und inwiefern sich diese Verhaltensver\u00e4nderung positiv auf meine Lebensf\u00fchrung auswirken wird. Die Frage ist also, ob meine Ansicht \u00fcber die Umwelt ausreichend koh\u00e4rent ist, um die Auswirkung meiner Ver\u00e4nderung einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Und da gibt es solche Fragen zum &#8222;Horizont&#8220;, was man denn sich vorstellt und vorstellen k\u00f6nnte. Was es noch so geben k\u00f6nnte, dass man nicht wei\u00df und wie der reward ausfallen wird, wenn ich mich bereits jetzt auf ver\u00e4nderte Bedingungen einstelle, die ich allerdings noch gar nicht wei\u00df. Darum ist der reward immer eine Wette, die jedoch besser einsch\u00e4tzbar wird, wenn meine Theorie \u00fcber mich selbst und meine Weltansicht komplex genug reflektiert wird.<\/li>\n\n\n\n<li>Der ben\u00f6tigte Aufwand, um eine Gewohnheitsver\u00e4nderung zu erzielen, ist in der Regel schwierig abzusch\u00e4tzen. Gewohnheiten sind komplex miteinander verschachtelt und kumulieren ineinander. Es ist doch so, dass z. B. ein ordentliches Krafttraining ebenso verbunden ist mit einer angemessenen Ern\u00e4hrung, einem gesunden Schlaf und einer disziplinierten Organisation. Das Problem ist folgendes: Der Aufwand ist summativ miteinander verbunden, der reward jedoch multiplikativ. Wenn ich alles rund herum, was dazu geh\u00f6rt ebenso mitnehme, dann ist der Aufwand h\u00f6her, der reward steigert sich jedoch deutlich schneller, je mehr Gewohnheits\u00e4nderung ich mitnehme. Man sollte aber nicht untersch\u00e4tzen, dass die psychologische Leistung, sich selbst als immer wieder jemand Neuangepassten in einer sich ver\u00e4ndernden Umgebung zu erfinden, enorm sein kann. Insbesondere wenn diese F\u00e4higkeit nicht ge\u00fcbt wird.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Nun k\u00f6nnen wir erstmal davon ausgehen, dass ein Mensch X eine Bewertungsfunktion reward(U, dV) hat, wobei diese vom Wissen \u00fcber die Umwelt U und der Aufwandserwartung \u00fcber die Ver\u00e4nderung des Verhaltens dV abh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kommen wir endlich zum Begriff der Kontrolle. Denn eine eigene Verhaltens\u00e4nderung kann auch zu einer drastischen Ver\u00e4nderung der Umwelt f\u00fchren, die den reward nach oben treibt. In diesem Fall besteht die Annahme, dass dV einen direkten Einfluss auf das Wissen \u00fcber die Umwelt hat. Wir nehmen ein eher groteskes Beispiel: Ein cholerischer Mann ist unzufrieden mit sich und seiner Frau, weil er eine bestimmte Erwartungshaltung als Hausfrau an sie hat. Wir nehmen nun an, dass er blo\u00df zwei M\u00f6glichkeiten in Betracht zieht (nat\u00fcrlich gibt es meistens mehr M\u00f6glichkeiten, hunderte &#8211; ich denke jedoch, dass ein bin\u00e4res Denken noch so verhaftet ist, dass immer noch recht viele Situationen als falsche Dilemmata eingestuft werden &#8211; zur Illustration reicht das aber):<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Ich ver\u00e4ndere meine Attit\u00fcde zu den Bed\u00fcrfnissen meiner Frau, muss mir dann aber auch eingestehen, dass ich &#8222;nicht Manns genug&#8220; (sein Gro\u00dfvater war ein Kriegsveteran) bin und dementsprechend noch viele weitere Denkweisen \u00e4ndern, um meine Vergangenheit neu interpretieren zu k\u00f6nnen, damit ich nicht komplett von mir denke, dass ich ein Loser bin (denn das ist ja auch kein gutes Gef\u00fchl, wenn man auf sich selbst rumtrampelt).<\/li>\n\n\n\n<li>Ich schlage meine Frau, damit sie Angst davor hat, sich nicht so zu verhalten, wie ich es m\u00f6chte. Der Aufwand daf\u00fcr ist relativ gering, da man nur zwei Mal zuschlagen muss. Allerdings ist der reward auch nicht hoch, aber ertragbar (und das nur auf die Gegenwart bezogen).<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist das gerade auch eine unsinnige Illustrierung, das Bed\u00fcrfnis nach Kontrolle an h\u00e4uslicher Gewalt auszuschlachten. Ich habe ja selbst auch noch nie eine so b\u00f6se Stimmung erlebt, selbst in Filmen kommt sie mir weltfremd und geschauspielert vor. Aber meine Denkgewohnheit sagt mir auch, dass sich immer ein Weg ohne Gewalt findet. Aber wenn diese Denkgewohnheit nicht vorhanden ist, dann k\u00f6nnte man schon Mal zu der \u00dcberzeugung kommen, dass entweder ich mich \u00e4ndern muss oder ich \u00e4ndere die Umwelt (notfalls eben mit Gewalt).<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erg\u00e4nzen nun nochmal einige Formeln. Die Umwelt U(dV) und das Verhalten dV(U) bedingen sich miteinander. Man muss allerdings hinzuf\u00fcgen, dass es ja eigentlich U(dV_1, dV_2, dV_3, &#8230;) lauten m\u00fcsse. Und wie gro\u00df der Einfluss eines Organismus zur Umwelt ist, h\u00e4ngt von der situativen Relation ab. Der Schl\u00e4ger hat mehr Einfluss auf seine Frau, als Olaf Scholz. (Oder vielleicht auch nicht, wenn die Frau \u00fcber 65 ist). Und bevor eine Entscheidung getroffen wird, muss man alle Interaktionen durchdenken und sich nicht davon blenden lassen, dass es mit einer einfach Handlung-Wirkung-Relation verbunden ist. Es ist verzwickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kann man die Verhaltens\u00e4nderung dV nicht nur menschlichen Organismen zuschreiben, sondern mittlerweile auch noch vielen Dingen mehr: Unternehmen, Nachrichten, Soziale Netzwerke &amp; Medien, Maschinen (insbesondere Kaffeemaschinen!), Tieren oder gar dem Wetter und Naturkatastrophen. Es sind so viele (Technik-)Objekte in die Welt gelangt und so viele Faktoren, dass ich (als Autor des Artikels) behaupten w\u00fcrde, dass der eigene Kontrollradius (das ist die Relation zu U) im Vergleich zum letzten Jahrhundert ja doch deutlich kleiner geworden ist. Was kann man schon noch kontrollieren? Und zwar gibt es auch sicherlich die eine oder andere Alternative, aber immer muss man sich eingestehen, dass man sich selbst ver\u00e4ndern musste, weil es nicht geschafft hat, die Umwelt zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme dazu jetzt halb neurowissenschaftlich, halb durch Psychoanalyse. Als Baby hat man doch erfahren, dass sich die Umwelt viel netter zu einem verh\u00e4lt, wenn man bisschen rumschreit (oder vielleicht auch nicht, ich hoffe, dass es aber nicht so viele b\u00f6se Eltern gibt). Als Erwachsener funktioniert das nun nicht mehr. Aber das innere Bed\u00fcrfnis dazu, dass eine Seligkeit wie in der Kindheit erlebt wird, ist doch tief verborgen. [Eine Notiz am Rande f\u00fcr mich: Mit 4 Jahren beginnt der Selektionsprozess f\u00fcr das Gehirn, ab da ist es sicherlich ratsam, dem Kind etwas strenger zu entgegnen und bereits mit Grenzen anzufangen, damit das Baby die Grenzen seiner Kontrolle lernt]<\/p>\n\n\n\n<p>Was sagt mir das unter dem Schlussstrich?<\/p>\n\n\n\n<p>Nimm dich nicht zu ernst und stell dich darauf ein, dass Dinge passieren werden, die dich dazu zwingen, dich \u00e4ndern zu m\u00fcssen, wenn du nicht st\u00e4ndig &#8222;gegen&#8220; die umk\u00e4mpfte Umwelt k\u00e4mpfst. Ob es besser ist, zu k\u00e4mpfen oder der Ver\u00e4nderung zu folgen, das muss jede:r f\u00fcr sich selbst herausfinden. Und wahrscheinlich ist es so wie immer: Die Mischung macht&#8217;s.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wundert mich, wie der Kontrollradius von einem random Menschen konzipiert ist. Wenn jede:r um sich selbst sorgt, dann ist f\u00fcr alle gesorgt. 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