{"id":79,"date":"2023-01-26T17:26:32","date_gmt":"2023-01-26T16:26:32","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=79"},"modified":"2023-01-26T17:26:34","modified_gmt":"2023-01-26T16:26:34","slug":"notiz-um-nicht-in-vergessenheit-zu-geraten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=79","title":{"rendered":"Notiz, um nicht in Vergessenheit zu geraten"},"content":{"rendered":"\n<p>Was mich heute mehr denn je wundert, ist, dass ich mit meinen zarten 22 Jahren in Diskurse eintauche, die Menschen in ihrem Erwachsenenalter (40+) erst entwickelt haben. Das, was in ihrer langen Lebenszeit in ihre Schriften flie\u00dft, ist eben um ihr eigenes Leben entkleidet. Doch das ist die Folge der Wissensakkumulation, dass sie die Details immer ausl\u00e4sst und in kondensierter Form auf die heutige Generation einwirkt. Es ist aber ganz eigenartig, dass dieser Zugang ja doch sehr privilegiert ist. Einige wenige werden letztlich so tief in der Materie drin sein, dass die gesamte investierte Zeit auf sie lastet. Wenn ich mir vorstelle, dass ich sp\u00e4ter ein kleines Kind gro\u00dfziehen w\u00fcrde, dann w\u00fcrde ich verst\u00e4ndlicherweise die vielen Pfade, die ich nun f\u00fcr \u00fcberholt halte, nicht weitergeben, obwohl diese so entscheidend sind f\u00fcr mein jetziges Denken. Doch gerade, weil ich sie irgendwann verworfen habe, kann ich sie nicht mehr so denken, als w\u00fcrde ich den Moment des Aha-Erlebnisses nacherleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diagnose ist daher, dass je weiter man forschen m\u00f6chte, desto mehr angebliches Wissen der Geschichte wird sich in dem zuk\u00fcnftigen Forscher anstauen. Das ist allerdings auch dem geschuldet, dass die Forschung so globalisiert ist, dass die Einfl\u00fcsse \u00fcber Landesgrenzen hinweg so gravierend sind, dass die eigenen Erfahrungen desillusioniert werden, wenn man diese Erkenntnisse ernst nimmt. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum heute nicht mehr von Universalgenies gesprochen wird, weil diese ihre Erkenntnisse aus Umfeld und Lebenserfahrung erlangt haben, heutzutage wird die Lebenserfahrung aber gelernt statt gelebt. Sie wird gelesen statt geschrieben. Ich erinnere mich an ein Zitat, dass in etwa lautet: &#8222;Erfahrung ist Widerstand und damit Schmerz&#8220;. Und das macht einem doch unglaublich mulmig, wenn man bedenkt, dass Gespr\u00e4che in der heutigen Zeit zum gro\u00dfen Teil palliativ und ohne gro\u00dfen Schmerz verlaufen. Man unterh\u00e4lt sich halt und tauscht Vorgedachtes aus. Und dass Menschen Vorgedachtes f\u00fcr so wertvoll halten, zeugt gerade f\u00fcr die Faulheit der heutigen Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, diese grobe Skizze ist fruchtbar, um mir selbst der Kunst und anarchistischen Kleinstr\u00e4umen eine Legitimation zu geben. Zwar spielt dort auch Vorgedachtes eine Rolle, doch da sie sich lokal immer neu expliziert, kann sie sich, wenn sie sich genug vom Anderen abgrenzen kann, ungebahnte M\u00f6glichkeiten schaffen. Sehr anstrengende M\u00f6glichkeiten, die von den Mustern, denen man seit der Geburt untergeordnet ist, gel\u00f6st sind. Doch Mu\u00dfe und Schmerz waren schon immer der Preis, den man f\u00fcr Freiheit begleichen musste. Doch wie kann man einen Menschen, der schon von Kindheit darauf konditioniert ist, seine Unterworfenheit als f\u00fcr ihn faktische Freiheit anzuerkennen, \u00fcberhaupt dazu bringen, eine komplett neue Lebenserfahrung anzuerkennen? Das wird nur passieren, wenn die Umst\u00e4nde so schlecht werden, dass der neue Schmerz das kleinere \u00dcbel im Vergleich zum tats\u00e4chlichen Schmerz ist. Doch dieser tats\u00e4chliche Schmerz wird nur entstehen, wenn man sich einer Ideologie unterwirft, die anders wirkt als die herk\u00f6mmlichen. Diese Ideologie muss irgendwie undogmatisch sein, und sie muss den Schmerz als produktives Momentum anerkennen, da sie sich sonst wieder nach der palliativen Sicherheit sehnt, die wir heute gegenw\u00e4rtig finden. Diese Situation ist doch sehr paradox. Die Auswahl steht zwischen schmerzfreier Unterworfenheit und schmerzvoller Freiheit. Was w\u00fcrde die Psychologie sagen, die doch nichts als den Schmerz als einziges negativ-objektives Moment anerkennt (denn Gl\u00fcck ist pluralistisch, Schmerz universell). Sie m\u00fcsste jedem Anarchisten widersprechen. Also, wie entkommen wir diesem Dilemma?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was mich heute mehr denn je wundert, ist, dass ich mit meinen zarten 22 Jahren in Diskurse eintauche, die Menschen in ihrem Erwachsenenalter (40+) erst entwickelt haben. Das, was in ihrer langen Lebenszeit in ihre Schriften flie\u00dft, ist eben um ihr eigenes Leben entkleidet. 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