{"id":70,"date":"2022-12-05T12:24:22","date_gmt":"2022-12-05T11:24:22","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=70"},"modified":"2022-12-05T12:26:47","modified_gmt":"2022-12-05T11:26:47","slug":"habitus-und-soziologie-der-identitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=70","title":{"rendered":"Habitus und Soziologie der Identit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich muss mich gerade um etwas anderes k\u00fcmmern, aber ich finde diesen Gedanken gerade so wichtig, ihn hier kurz auszuf\u00fchren, da ich es erstaunlich finde, dass ich auf diesen Gedanken erst jetzt gekommen bin. In der letzten Cultural Studies Vorlesung ging es neben Mentalit\u00e4t auch um <strong><em>Habitus<\/em><\/strong>, was Bourdieu (1977) als &#8222;system of durable, transposable dispositions&#8220; versteht, die &#8222;principles which generate and organize practices and representations&#8220; formen. Im Grunde hat er damit die Verbindung zwischen Identit\u00e4t und kollektiver Lebensform (Angewohnheiten, Kleidung, Sprechweise, &#8230;) charakterisiert. Ich glaube, ich bin irgendwie immer nur einseitig an die Sache herangegangen, wenn ich die Frage nach der Identit\u00e4t gestellt hatte, n\u00e4mlich als eine Art Selbstentwurf, der aus einer (geglaubten, und zumindest nicht ganz hinterfragbaren) Freiheit entsteht, die man nun mal hat &#8211; man kann nicht den eigenen Glauben bezweifeln (auch wenn Leute gerne was anderes behaupten, aber das ist dann blo\u00df ein <em>als ob<\/em> und keine wirkliche Praxis).<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kam es mir bis Anfang meiner 20er immer so vor, als ob ich mir meinen Style und meinen Geschmack irgendwie selbst aneigne, aber man m\u00fcsste wohl eher davon sprechen, dass er mir angeeignet wurde. Ich hatte fr\u00fcher immer gesagt, dass Philosophie letztlich nur eine Sache des Temperaments und der Vorlieben sei, aber eine genaue Spezifizierung hatte ich meist ausgelassen, da ich es auch nie besser begr\u00fcnden konnte. Ich denke, Bourdieus Ansatz ist ein m\u00f6glicher Weg zur Erkenntnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Eigent\u00fcmliche in den popul\u00e4ren Kulturwissenschaften ist ja, dass akademische Kreise \u00fcberwiegend von einem bestimmten Bild gepr\u00e4gt sind. Akademiker:innen (man stelle sich einen stereotypen Professor vor) gelten h\u00e4ufig als belesen und redegewandt, sie tragen meist einen Anzug oder einen Rollkragenpulli und vor allem haben sie eine beherrschte K\u00f6rpersprache und Distanz, die auch ihre Professionalit\u00e4t vermitteln. Diese reduzierte Beobachtung wollte ich zun\u00e4chst einfach darauf zur\u00fcckf\u00fchren, dass dadurch, dass einem die ganze Zeit vorgelebt wird, wie Professor:innen erscheinen, dass man sich diesem anpasst, weil man es <em>m\u00f6chte<\/em>, weil man sich diesen Lebensstil und diese Erscheinungsweise einverleibt. Bourdieu hingegen argumentiert eher daf\u00fcr, dass dieser Habitus gezwungenerma\u00dfen die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse konstituiert und \u00fcberhaupt eine Unterscheidung zwischen Oberschicht und Unterschicht erst erm\u00f6glicht. Sich einen solchen Habitus anzueignen ist nach ihm <em>Voraussetzung<\/em>, um an einem sozialen und kulturellen Kapital (also den Menschen und ihren Praktiken\/Vorlieben wie Hochkultur) teilzuhaben. Es handelt sich um einen Mechanismus, der eine gewisse Klasse (die Akademiker:innen) stabilisiert, ihr eine Form gibt und einerseits einen Zugang erst erm\u00f6glicht, andererseits das Andere (z. B. Arbeiter) ausgrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist doch nicht zuf\u00e4llig, dass ich ein gewisses Ressentiment gegen\u00fcber Reichen, Akademiker:innen oder Eliten habe (und damit ihren Habitus eingeschlossen). Allerdings m\u00f6chte ich an einem gewissen Teil daran partizipieren, beispielsweise an der Forschung. Auch wenn es nicht unm\u00f6glich ist, so ist es doch erschwerend, sich in akademischen Kreisen zu bewegen und zu vernetzen, wenn der Habitus (man k\u00f6nnte an dieser Stelle auch von Vertrautheit gegen\u00fcber des Betriebs sprechen) unpassend ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige skizzenhafte Eckpunkte meines eigenen Habitus: Aufgewachsen in einer Unterschichtsfamilie mit Migrationshintergrund in einer ostdeutschen Landeshauptstadt; recht gute Kindheit gehabt (ohne Mobbing oder Schl\u00e4gereien); regelm\u00e4\u00dfig Zeit in der Bibliothek verbracht (aber eigentlich nur, weil ich kein Internet zu Hause hatte); fr\u00fche F\u00f6rderung in Schach, Mathematik und Klavierspiel; Freunde aus der Platte; Aktivit\u00e4t in linken, marxistischen Kreisen und Demonstrationen; bis schlie\u00dflich die Phase des &#8222;Cool-Seins&#8220; hineinbrach und damit verbunden eine regelm\u00e4\u00dfige Drogeneinnahme sowie der ganze Spa\u00df in der Skater-Szene. Und generell m\u00fcsse ich zugeben, dass einige Charakteristika \u00fcberhaupt nicht zusammenpassen. Ich glaube, ich muss mich hier bei meinen Eltern bedanken, die zwar wenig Zeit f\u00fcr mich hatten, aber gerade deswegen mir so viele M\u00f6glichkeiten gaben, mich von ihnen zu distanzieren und mich an einen gehobenen Habitus (klassische Musik, Bildungsb\u00fcrgertum, regelm\u00e4\u00dfiges Reisen durch Schachturniere) erm\u00f6glichten. Andererseits gelang die Aneignung dieser Gewohnheiten blo\u00df peripher, blo\u00df in St\u00fccken. Meine sozialen Kreise, in denen ich mich bewegte, hatten doch eine implizite Vorstellung davon, welcher Umgang miteinander gepflegt wurde (beispielsweise ein gewisser Slang, Arbeiter:innen-Attit\u00fcde oder die Art und Weise, wie man zu Techno feiert). Und wenn man nun nach der Identit\u00e4t fragt, dann ist diese eben \u00fcberwiegend angelernt, wenn auch ein Teil evolution\u00e4r determiniert ist (Epigenetik oder auch &#8222;ich hasse das kalte Wetter hier, weil mein K\u00f6rper nicht angepasst ist&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen ist diese Erkenntnis eigentlich recht einfach. Wenn ich aufsteigen m\u00f6chte, dann muss ich den Habitus der oberen Schichten annehmen (aka ein Teil der Hochkultur werden) und Teile meines Arbeiterhabitus&#8216; (aka Subkultur, Gangsterrap und Drogeneinfluss) ablegen. Andererseits m\u00f6chte ich das ja gar nicht, ich m\u00f6chte doch <em>meine<\/em> Aneignungen (man k\u00f6nnte auch sagen, mein Gehirn zwingt mich, meine eigenen Vorlieben auch konsequent zu lieben) eigentlich behalten, sie geben Stabilit\u00e4t im Leben, sie erleichtern es, dass ich mich durch meine Kreise bewegen kann (wenn man das jetzt einfach mal als eine biologische Funktion betrachtet, sich in seinen Umkreisen zurechtzufinden). Ich glaube, dass hier der Zufall mir fast schon eine Aufgabe auferlegt hat: Ich identifiziere mich mit einem gewissen Teil der Unterschicht und habe \u00e4hnliche Lebensformen (vielleicht untersch\u00e4tze ich manchmal die Komponente, dass mein &#8222;cooler&#8220;, &#8222;l\u00e4ssiger&#8220; und &#8222;based&#8220; Style doch eine sehr abwertende Erscheinung gegen\u00fcber den Eliten ist) und habe so gepaart mit meinen intellektuellen M\u00f6glichkeiten, diese in die akademischen Kreise zu tragen. Denn oft wird nur <em>\u00fcber<\/em> Gruppen gesprochen und nicht <em>als<\/em>. Und auch wenn es den Forscher:innen manchmal nicht ganz bewusst ist, so manifestiert die Sprechweise <em>\u00fcber<\/em> einen Gegenstand diesen Gegenstand <em>als<\/em> solchen. Gerade in der geisteswissenschaftlichen Forschung ist es dadurch schwierig \u00fcberhaupt dessen Gegenstand ad\u00e4quat beschreiben zu k\u00f6nnen. Was meinen wir, wenn wir \u00fcber die Arbeiter sprechen? Ist es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, dass ein Arbeiter ohne Zugang zu akademischen Kreisen, sich selbst beschreiben kann? Ist es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, einen ad\u00e4quaten Zugang zu erm\u00f6glichen (denn ich bezweifle, dass die Selbstbeschreibung einem akademischen Stil folgt, eher essayistisch, prosaisch oder vielleicht sogar nur Stichwortweise)?<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles blo\u00df spekulativ. Doch in den n\u00e4chsten Jahren der Selbstbeobachtung m\u00fcsse ich sowohl mein neues Umfeld realisieren (und zwar das Umfeld eines <em>Erwachsenen<\/em> in einer <em>deutschen<\/em> Gesellschaft) als auch die feinen Unterschiede (wie sie Bourdieu bezeichnet) zu meiner Kindheit und Jugend erkennen, w\u00e4hrend ich in akademischen Kreisen umherschweife oder was auch immer mich erwartet (vielleicht werde ich auch ein Schriftsteller \u00e0 la Bukowski). Spontan sind mir zwei Publikationen ins Auge gesprungen, die einen guten Ausgangspunkt f\u00fcr weitere \u00dcberlegungen darstellen k\u00f6nnten: das Buch <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/Habitus-Hood-Chris-Richardson\/dp\/1841504793\">Habitus Of The Hood<\/a> (2012) und ein Paper, welches <a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/44297739\/The_Relevance_of_Bourdieusian_Theory_for_a_Sociology_of_Love_A_Critical_Discussion\">Bourdieus Theorie f\u00fcr eine Soziologie der Liebe<\/a> (2020) anwendet. Mal schauen, ob ich sie lese oder nicht doch in meine Drogen und Videospiele zur\u00fcckfalle..<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Schlussbemerkung<\/em>: Ich rede zwar viel \u00fcber das Akademische, aber der Kernpunkt meiner \u00dcberlegungen bleibt immer unter dem Schein einer angestrebten, allumf\u00e4nglichen Theorie des L[i]ebens (was f\u00fcr eine wunderbare Idee f\u00fcr einen Buchtitel), welche revolution\u00e4re Z\u00fcge auf die gesellschaftliche Praxis haben soll. Sie wissenschaftlich zu explizieren, kann nicht das Ziel sein. Die Wissenschaft ist blo\u00df <em>ein<\/em> Aspekt, der wohl der beschwerlichste ist, da er eine gute Kenntnis von Geschichte und Wissenssoziologie ben\u00f6tigt. Der Rest ergibt sich durch das Schaffen in den Sph\u00e4ren von Musik, Literatur und Kunst (man m\u00f6ge ggf. auch noch Religion dazunehmen, vielleicht w\u00e4re die Religion der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bahaitum\">Bah\u00e1&#8217;\u00ed<\/a> fruchtbar). Nur zusammengenommen kann eine solche Theorie den Anspruch erheben, produktiv zu sein. Wissenschaft allein ist destruktiv.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich muss mich gerade um etwas anderes k\u00fcmmern, aber ich finde diesen Gedanken gerade so wichtig, ihn hier kurz auszuf\u00fchren, da ich es erstaunlich finde, dass ich auf diesen Gedanken erst jetzt gekommen bin. 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