{"id":64,"date":"2022-12-03T15:37:29","date_gmt":"2022-12-03T14:37:29","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=64"},"modified":"2022-12-03T15:37:32","modified_gmt":"2022-12-03T14:37:32","slug":"winterbild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=64","title":{"rendered":"Winterbild"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich kann mich sehr gut an die Szenerie erinnern. Es liegt jetzt aber nicht daran, dass es irgendwie ein besonderes Erlebnis war. Eher war es eine ganz gew\u00f6hnliche Begegnung, jedoch mit dem Unterschied, dass ich sehr aufmerksam war. Ich hatte den restlichen Tag gearbeitet, sogar recht zielstrebig, doch ich kann mich an nichts Nennenswertes erinnern. Ich war jedoch nicht unaufmerksam, ich hatte nur keine Zeit gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df meistens schon am Morgen, was zu tun ist und da sich mein K\u00f6rper daran gew\u00f6hnt hat, immer zwischen 7 und 9 Uhr aufzuwachen, sind eigentlich gute Bedingungen vorhanden, um einen produktiven Start in den Tag zu haben. Doch in letzter Zeit verhalte ich mich fast tierisch und gebe einfach nur jeder Lust und Laune nach, die mir gerade im Sinn steht, insofern nichts wirklich Wichtiges ansteht (und auch wenn es nicht &#8222;wirklich&#8220; Wichtiges gibt, so sch\u00e4tze ich doch, dass mich meine Arbeit daran erinnert, dass ich nicht blo\u00df in einer isolierten Wirklichkeit lebe). An diesem Morgen schnitt ich mir meine Haare.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich immer an solche Gespr\u00e4che, die nach dem Muster &#8218;Oh, du warst beim Friseur?&#8216; und dann &#8218;Oh, ja gef\u00e4llt es dir? Ich hatte es gerade gef\u00fchlt&#8216; oder eine andere knappe Antwort. Seit dem ich mir die Haare lang wachsen lie\u00df, hatte ich nie mehr den Gedanken gehabt, dass ich meine Haare schneiden sollte, weil sie zu lang waren. Meine Haare schnitt ich seit dem nur noch, wenn ich eine innere Ver\u00e4nderung f\u00fchlte. Wenn ich auf die letzten Jahre zur\u00fcckblicke, war es nie so, dass Ver\u00e4nderungen schrittweise auf einen zukamen. Das Leben l\u00e4uft halt nicht linear ab. Es ist eher kaskadenhaft. Mit Kipppunkten, die Kettenreaktionen ausl\u00f6sen, die das ganze eigene Leben umwerfen k\u00f6nnen. Es ist nicht so, dass man es direkt sichtbar wird, da Gewohnheiten sehr hartn\u00e4ckig sind. Doch langsam wirft man nicht nur die eine oder andere Routine ab, sondern ein ganzes B\u00fcndel, welches damit einhergeht. Und an diesem Tag lie\u00df ich ein Viertel Kilo Haare ab. Mein Eindruck auf mich hat sich ver\u00e4ndert. Ein mittellanger Pony, der mir noch \u00fcber die Augenbrauen geht, gepaart mit meinen vier Dreadlocks, die sich an meinen Hals schmiegen und meine dicken, schwarzen Haare umrandeten den Rest in Form einer viel zu gro\u00dfen Haselnuss. Ich hatte eine solche Frisur sonst nur bei Frauen gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war ein wenig sp\u00e4t dran. Da ich zu faul bin zu kochen, war meine Deadline zum Aufbruch immer so gegen halb zwei, damit ich die Mensa erreiche, bevor sie schlie\u00dft. Und au\u00dferdem war das eine gute Zeit, sp\u00e4testens seinen Arbeitstag zu starten. Nachdem ich das Kantinenessen runtergeschlungen hatte, stand ich nun vor dem Caf\u00e9, rauchte eine Zigarette und beobachtete die Szenerie vor meinen Augen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich war besonders aufmerksam, vermutlich wegen des Haarschnitts. Ich merke schnell Blicke &#8211; besonders mit einem ver\u00e4nderten \u00c4u\u00dferen. Menschen, wie ich hoffen ja insgeheim, dass Menschen die eigenen Details, die man einstreut, bemerken. Es ist wie eine Art Code, dass man Teil einer Clique ist, die genau die Zeichen kennt. Ab und an gerate ich in solche Gespr\u00e4che, ich erinnere mich an eine Situation, wo ich auf einem Kongress jemanden mit Basquiat-Stiefeln laufen sah. Ich sprach ihn darauf und wir wechselten nur wenige Worte, da es direkt weiterging. Aber es lie\u00df mich direkt wohler f\u00fchlen. Es schwebte eine wohltuende Wissenheit dar\u00fcber, dass ich einen Teil von ihm verstehe und er andererseits von mir, den sonst keiner versteht und vermutlich nicht mal merkt. Ich schaue nach solchen Details ausschau, und ich glaube, dass machen andere Menschen auch. Sie suchen nur andere Details.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch ich stand alleine dort, es war kalt und es schneite. Einzelne Gr\u00fcppchen waren in Gespr\u00e4che vertieft und von weitem sah ich zwei bekannte Gesichter. Der erste war ein Typ, den ich seit gut einem Jahr kannte. Er wohnte damals unter mir und wir fanden heraus, dass wir beide gerne musizierten und trafen uns ab und an. Er ist ein sehr talentierter Bursche, aber ich glaube wir hatten schon immer eine gewisse Distanz, die man sich manchmal von K\u00fcnstler zu K\u00fcnstler (wenn ich uns so bezeichnen darf) entgegenbrachte. Das gemeinsame Musizieren gab es aber schon lange nicht mehr. Seine Begleitung war eine Erstsemester-Studentin, die ich im vor zwei Monaten auf einer Feier kennengelernt hatte. Ich war dort stark unter Drogeneinfluss und musste einen eigent\u00fcmlichen Eindruck gemacht haben, doch wir verstanden uns ganz gut, unter anderem weil wir auch paar Gemeinsamkeiten hatte und sie in der N\u00e4he meiner Heimat gro\u00dfgeworden ist. Sie erinnerte mich ein wenig an alte Zeiten. Sie hatte rote, lockige Haare und Sommersprossen und ich kann mich daran erinnern, dass sie w\u00e4hrend unserer damaligen Konversation immer so ein leicht unsicheres Lachen zwischen ihren S\u00e4tzen vorbrachte (das war glaube ich auch dem geschuldet, dass sie im Vergleich zur Partymasse recht n\u00fcchtern war). Die beiden blickten zur Bibliothek, allerdings schauten sie mehrere Meter \u00fcber mich hinweg, wo die Fenster der Arbeitspl\u00e4tze der Universit\u00e4t waren.  Der Typ schlug freudig die Arme nach oben und lachte laut auf w\u00e4hrend er etwas Unverst\u00e4ndliches nach oben rief. Die beiden lachten und grinsten und es fing an zu schneien. Es war einfach ein sch\u00f6nes Bild, zwei h\u00fcbsche, junge Menschen in ihren besten Jahren (sie waren beide 20), die sich an der Welt erfreuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen erhielt einen Anruf und begann in ihr Telefon zu sprechen. Ihr Begleiter blickte noch nach oben, doch als vermutlich auch vom Fenster nichts mehr bekam, stapften die beiden unweit von mir zum \u00fcberdachten Eingang der Bibliothek, um sich vor dem Schnee zu sch\u00fctzen. W\u00e4hrend sie telefonierte lief er hin und her und tanzte um ihr herum, so als h\u00e4tte er zu viel Energie, die aus ihm hinaussprie\u00df. Es sah ein wenig ungelenk aus, wie bei einem Kind. Aber das war auch angenehm zuzuschauen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich dort stand und rauchte, bemerkte sie irgendwann meinen voyeuristischen Blick. Sie blickte zu mir und warf mir eine gr\u00fc\u00dfende Handbewegung entgegen und ein unausgesprochenes Hallo und ich gr\u00fc\u00dfte zur\u00fcck. Im n\u00e4chsten Moment erschrak ihr Begleiter und schaute zu mir. Er gr\u00fc\u00dfte mich ebenso, doch ich merkte direkt in seiner gehobenen Stimme, dass seine Leichtigkeit sofort verblasste. Nach seiner Begr\u00fc\u00dfung wandelte er so merkw\u00fcrdig wie vorher um ihr herum, doch seine Bewegungen waren weniger ekstatisch. Ich glaube, er hatte mich vorher schon bemerkt und es vermieden einen Blick in meine Richtung zu werfen, weil es ihm unangenehm war. Und es kam mir so vor, als ob er halb verwundert war, dass sie mich gr\u00fc\u00dfte, doch es irgendwie auch geahnt hatte.  Er meinte im Sommer mal zu mir, dass ich echt jeden kenne. Das sagen mir manchmal Leute hinterher, die sich in \u00e4hnlichen Blasen aufhalten, denn die Szene ist hier recht klein und ich hatte in den letzten Jahren viel damit zu tun gehabt. Doch in diesem Fall war es wirklich einfach Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt so eine Zeile in Baby Keems &#8222;lost souls&#8220;: I&#8217;m tryna find me a bitch that no one knows. Eine Art Ruf danach, sich jemanden hinzugeben, der aus einer anderen Welt ist, nicht Teil der eigenen. Damit einher geht eine Neugierde und eine Ahnung des au\u00dferhalbs, welche einer sch\u00f6nen Einladung gleicht und nicht wieder einer schmerzlichen Erfahrung, wie wir sie in den Katastrophen und Kriegen der Welt erleben. Was f\u00fcr Vorteile man aus der st\u00e4ndigen Vernetzung ziehen kann, ist jedem selbst \u00fcberlassen. Ich bin jedoch der festen \u00dcberzeugung, dass die st\u00e4ndige Gewissheit \u00fcber das \u00dcbel in der Welt einen \u00e4ngstlich machen muss. Dies trifft besonders auf den K\u00fcnstler zu, der noch nicht den Feuerpfad der Selbstinszenierung betreten musste. Doch all diese Kritik trifft doch nur zu, weil man sich allein gegen die Welt sieht, weil die Gesellschaft uns mit ihrem Individualismus einpr\u00fcgelt, dass das eigene Talent aus einem selbst heraus k\u00e4me. Doch das ist eine L\u00fcge, denn immer war auch eine Menge Gl\u00fcck und Zufall im Spiel. Und nun stand er dort neben seiner Begleitung, die unentwegt telefonierte, und ist sich des Blickes der Anderen bewusst. In meinem Blick schwang in diesem Moment schlie\u00dflich nicht nur meine Person mit, sondern generell die M\u00f6glichkeit des Gesehenwerdens, die durch mich zur Realit\u00e4t wird. In diesem Moment muss ihm bewusst geworden sein, dass die sch\u00f6ne Einladung, der noch angeblich unge\u00f6ffnete Brief, schon mal ge\u00f6ffnet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass die Entdeckung meiner Person ein ungeheures Klick in seinem Kopf ausl\u00f6ste. Wir hatten fr\u00fcher schon einige Gespr\u00e4che \u00fcber Liebe und dieses und jenes gehabt. Ich lieh ihm mal ein Buch, doch wei\u00df noch immer nicht, ob er es gelesen hatte. Gemeint sind die &#8222;Briefe eines jungen Dichters&#8220; von Rilke. Ich gab es ihm, weil ich dachte, es w\u00fcrde ihm gefallen. Das Buch beschreibt ja auch ein wenig den Prozess eines werdenden K\u00fcnstlers, den ich auch in ihm sah. Er hat eine Instagram-Seite, auf der er seine Kunst hochlud, als er noch viel zeichnete und malte. Aber er verwarf dann die Kunst f\u00fcr die Musik und fing komplett neu an. Ich glaube, es gab schon einige Momente, an denen ich gemerkt hatte, dass er sich durch meine Kommentare unwohl gef\u00fchlt hatte. Gar nicht, weil sie verletzend sind, sondern weil sie eigentlich nur das aussprachen, was er innerlich f\u00fchlte, aber nicht umsetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob die Spannung, die ich mir hier erdichte, dort anzutreffen war. Doch der Kontrast zwischen der unbeschwerten Winterstimmung und dem kurzen Aufeinandertreffen war so bestechend, dass es mich wunderte. War ich der Grund? Ich sah keinen anderen. Ich stand die ganze Zeit nur da wie man das so von Rauchern kennt, die leer in der Gegend schauen und nichts anderes zu tun haben, als an ihrer Kippe zu ziehen. Ich belie\u00df meine K\u00f6rpersprache die ganze Zeit nur bei meinem Grundl\u00e4cheln und einem leichten Zittern, um mich aufzuw\u00e4rmen. Doch wie ich seine ver\u00e4nderte Haltung bemerkte, bemerkte ich auch mich selbst und einem inneren Drang, die Szenerie zu verlassen. Das Bild war doch so sch\u00f6n und unschuldig. Eine Kom\u00f6die, die durch mein Eintreten der B\u00fchne eine Tragik dazu gewann. Ich nahm den letzten Zug, dr\u00fcckte die Kippe im Aschenbecher aus und verschwand in das Bibliotheksgeb\u00e4ude.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kann mich sehr gut an die Szenerie erinnern. Es liegt jetzt aber nicht daran, dass es irgendwie ein besonderes Erlebnis war. Eher war es eine ganz gew\u00f6hnliche Begegnung, jedoch mit dem Unterschied, dass ich sehr aufmerksam war. Ich hatte den restlichen Tag gearbeitet, sogar recht zielstrebig, doch ich kann mich an nichts Nennenswertes erinnern. 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