{"id":61,"date":"2022-11-29T20:08:25","date_gmt":"2022-11-29T19:08:25","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=61"},"modified":"2022-11-29T20:09:13","modified_gmt":"2022-11-29T19:09:13","slug":"ein-schreibprozess-eines-schreibers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=61","title":{"rendered":"Ein Schreibprozess eines Schreibers"},"content":{"rendered":"\n<p>Sprache und Bilder. Sie passen gut zusammen, doch unterscheiden sich gewaltig in ihrem Zwecke. Wo ersteres eine festgestellte Melodie zeichnet, die blo\u00df das Geistige erahnen lassen m\u00f6chte, so betont letzteres die geformte Materie, welche sich f\u00fcr das Subjekt pr\u00e4sentiert. Dies ist der Beginn der Geschichte. Es ist doch schade, dass wir fast nichts von unserer Vergangenheit wissen. Millionen Menschen haben gelebt, ein paar tausend Menschen fanden Geh\u00f6r. Die Demokratie ist blo\u00df eine Tragik der undemokratischen Geschichtsschreibung. Nun gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Mittel zur Erm\u00e4chtigung des Bedeutungsvollen war die \u00dcberlieferung per Schrift. Es entstanden Dichtungen und Mythen. Und damit meine ich jedes Schriftprodukt. Und jedes Schriftst\u00fcck ist ein Teil des &#8222;ich schrieb&#8220;, welches ein Organismus von sich \u00e4u\u00dfern kann. Das kann man auf drei Weisen verstehen: <em>Wer schreibt, der ist; wer schreibt, der wird; wer schreibt, der wird sein<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Prozess des Schreibens, bin ich derjenige der produziert. Und zwar nicht nur der produziert, sondern der sich produziert. Das Schreiben ist \u00e4hnlich zum Gedankenschweifen: Oh, ich bin hier und denke \u00fcber dieses und jenes, doch die Gedanken sind frei und sind schon bald Vergessenheit. Nicht so beim Schreiben. Ich schreibe als ein Organismus, der im Prozess des Schreibens, sich vervielf\u00e4ltigt. Auch wenn man in jedem &#8222;Ich&#8220;, welches geschrieben steht, nur einen Platzhalter versteht, so ist dieser Platzhalter, dasjenige Sein, welches erst durch das Schreiben konstituiert wird. Weil ich schreibe, bin ich. Wenn ich nicht schreibe, bin ich blo\u00df ein Gedanke. Diesen Gedanken kann ich aber nicht als Gedanken niederschreiben, sondern blo\u00df als Schrift. Und so sind Myriaden solcher Gedanken und Ichs verloren gegangen, weil sie nie waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt nicht beim Produzieren einer Schrift. Die Schrift wirkt ja direkt auf mich zur\u00fcck. In dem Moment der Konstituierung des Ichs, welches seine Stabilit\u00e4t aus den geschriebenen S\u00e4tzen erh\u00e4lt, lege ich mich fest. Das Sein des Ichs ist aber zweierlei: ein Geschriebenes und ein Gedachtes. Das wirkt fast trivial. Doch m\u00f6chte ich irgendwie die Dialektik der beiden Begriffe erfassen, dass weil ich schreibe, mein Gedanke fixiert ist, der mir nicht mehr entflieht. Damit meine ich, dass ich den Gedanken nat\u00fcrlich vergessen kann, doch er ist gefesselt in einem Medium und wirkt dort mit einer fortw\u00e4hrenden unbestimmten Aura auf einen zur\u00fcck, da der geistig Gesunde trotzdem der festen \u00dcberzeugung sein m\u00fcsse, dass man selbst ja derjenige sei, der das Schriftst\u00fcck verfasst hat. Denn andererseits entsteht eine Dissonanz, eine Zweiteilung eines Selbsts (eine Art &#8222;fake it &#8218;til you make\/hate it&#8220;). Diese R\u00fcckwirkung auf einen Selbst f\u00fchrt zu einer Ver\u00e4nderung, zu einem Werden. Wenn ich (als Schreiber) derjenige bin, der etwas niederschreibt, dann bin ich (als das Subjekt des Satzes) existent, welches meine (als Schreiber) Einstellung \u00fcber mich (als Schreiber) ver\u00e4ndert. ### Ich (als das Subjekt des Satzes) bin jedoch noch nicht betroffen, insofern ich (als Schreiber) nicht wieder \u00fcber mich (als das Subjekt des Satzes) schreibe. Springt man zur\u00fcck zu den ###, und stelle sich vor, dass alles danach noch nicht gelesen wurde, dann kann man das Hintere noch nicht wissen, insofern man keine Vorannahmen treffen kann, die notwendigerweise zu dieser \u00dcberlegung f\u00fchren (doch dies blo\u00df als spekulativer Einwurf). Die Wechselwirkung des Seins und des Werdens im Prozess des Schreibens spiegeln die Dialektik der eigenen Konstitution &#8211; diesmal im Verst\u00e4ndnis eines integrierten Subjektschreibers &#8211; wieder. Im Schreiben bin ich vollst\u00e4ndig in der Rolle meiner eigenen Schrift gefangen. Im Leseprozess lese ich das Werden.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist die Konstitution des Schreiber-Ichs ein Produktionsakt. Die Schrift, welches jenes Produkt ist, kommuniziert jedoch nur einseitig. Es kommuniziert als Gewesenes. Wenn wir Platon lesen, dann lesen wir ihn als einen Gewesenen. Und auch er war sich sicherlich bewusst, dass er sich als Schreiber durch seinen Schreibeprozess konstituiert hat (ich bezweifle, dass er sich je ertr\u00e4umte, dass er mal so gro\u00df rezipiert wird; h\u00e4tte er das je in seinen Schriften reflektiert [oder w\u00e4re das viel Bekannter], wie w\u00fcrden wir ihn heute sehen? Als einen Wahrsager? Als einen Schwindler?), so musste er darauf bedacht sein, dass seine Schrift voraussetzt, dass ein Ich konstituiert wird, welches sich koh\u00e4rent pr\u00e4sentieren muss, um verstanden zu werden. Was soll ein Satz wie &#8222;wir verstehen Platon&#8220; bedeuten? Es bedeutet blo\u00df, dass wir eine dialektische Figur als ein Gewesenes erfassen, auch wenn es nicht der Tatsache entspricht. Ich bin mir sicher, dass Platon sich nicht gedacht hat, dass er weise war. Zumindest nicht allein, denn wenn ihm das Weise-Sein (z. B. von Aristoteles) zugeschrieben wird, dann wirkt dies auch auf seine Figur zur\u00fcck. Was ich damit andeute, ist, dass Platon nur derjenige Platon ist, den wir heute sehen, weil er <em>sich produziert<\/em> hat, und sein Schreibeprozess ihn als Gewesenes, welches war und wurde, als Produkt uns zug\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Bemerkungen treffen nun prim\u00e4r \u00f6ffentliche Texte. Denn auch wenn dies ein \u00f6ffentlicher Text sein k\u00f6nnte, so ist er prim\u00e4r als Schreibeprozess zu verstehen, der sich selbst in seinen Schreibprozess einbezieht. Eine Dialektik, die gar nicht erfasst werden kann, wenn nicht selbst geschrieben wird. Eine M\u00f6glichkeit herauszufinden, warum man Dinge schreibt, warum man \u00fcber diese Dinge schreibt, warum dies das Ich konstituiert. Doch wenn die Analyse irgendeinen Zweck haben solle, dann m\u00fcsse man weitergehen, die Interaktion von Schrift zu beschreiben, insbesondere die von denjenigen, die destruktive Werdensprozesse (&#8222;Werdeg\u00e4nge&#8220;) mit ihren Schriftprodukten bef\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer schreibt, produziert sich. Wer sich produziert, wird nicht nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprache und Bilder. Sie passen gut zusammen, doch unterscheiden sich gewaltig in ihrem Zwecke. Wo ersteres eine festgestellte Melodie zeichnet, die blo\u00df das Geistige erahnen lassen m\u00f6chte, so betont letzteres die geformte Materie, welche sich f\u00fcr das Subjekt pr\u00e4sentiert. Dies ist der Beginn der Geschichte. 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