{"id":224,"date":"2025-04-23T03:48:30","date_gmt":"2025-04-23T02:48:30","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=224"},"modified":"2025-04-23T03:48:31","modified_gmt":"2025-04-23T02:48:31","slug":"versuch-einer-melancholie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=224","title":{"rendered":"Versuch einer Melancholie"},"content":{"rendered":"\n<p>Trauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Was verbinden Sie mit dem Wort?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frage, auf die sie im stillen antworten k\u00f6nnen. Ich werde sie leider nicht h\u00f6ren, wenn Sie sie mir nicht direkt mitteilen. Und wissen Sie, ich h\u00fcte mich in letzter Zeit oft davor, davon zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn \u00fcber Dinge, \u00fcber die man keine Ahnung hat, sollte man nicht sprechen. Mansplaining. Was auch immer. Und wie so oft mit abstrakten Worten (wie Liebe, Demut, Gerechtigkeit, um einige aufzuz\u00e4hlen) ist es schwierig deren genaue Bedeutung zu erfassen. Kinder lernen W\u00f6rter einfach zu benutzen und mit ihren Sinnen zu assoziieren. Und wenn Maman erkl\u00e4rt, wie sie mit dem Vater umgeht, wenn sie sich lieben, dann sehen wir anhand unserer famili\u00e4ren Lage, was Liebe ist oder sein kann. Und die Hollywood-Dramatisierungen tuen auch ihr \u00dcbriges. So sollten h\u00f6re ich doch von einer Familie, die gemeinsame Werte vertritt, in der die Familienangeh\u00f6rigen sich auf eine praktikable Art famili\u00e4rer Zuneigung zumindest im Gro\u00dfteil einig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Trauer haben wir wenig geredet. Ich wei\u00df nicht genau, aber heute habe ich eine gewisse Trauer gesp\u00fcrt von der ich nicht genau wusste, woher sie kommt. Vielleicht ist es auch blo\u00df ein Ausdruck der Beschwerden, die sich im Inneren anh\u00e4ufen, wenn man ungeduldig ist. Ich beneide die Menschen, die stets sagen &#8222;Ach, jetzt ist schon wieder ein Monat um. Das ging ja schnell&#8220;. Aber vielleicht beneide ich damit einfach blo\u00df diejenigen Menschen, die st\u00e4ndig was zu tun haben. Ich bin nun in der misslichen Lage, dass ich seit langem Mal wieder in die Rolle des Arbeitslosen schl\u00fcpfe &#8211; ich gebe zu, dass ich mich schon automatisch daran gew\u00f6hnt habe, mich selbst wie eine Spielfigur zu behandeln und dadurch von meiner Person Distanz gewinne. Es ist doch etwas anderes, selbst in der Lage zu sein anstatt \u00fcber jene blo\u00df zu sprechen, die davon betroffen sind. Gearbeitet hatte ich von April 2023 bis Oktober 2024 mit einem Monat Pause. Im Anschluss schrieb ich meine Bachelor-Arbeit und seit Mitte Februar suche ich nach Arbeit. In Erfurt und Th\u00fcringen, eigentlich dem Land <em>der<\/em> Dichter und Denker, ist ein Philosophie-Abschluss jedoch kaum n\u00fctzlich. Es sei denn, man habe Lust der Hegelschen Staatsphilosophie zu dienen. Ich erinnere daran, dass der gewitzte Schopenhauer seine Anerkennung erst nach seinem Tode erhielt und durch ein gutes Erbe \u00fcber die Runden kam. Es hatte ihm sicherlich keinen Spa\u00df gemacht, dass Preu\u00dfen nur diejenige Philosophie f\u00f6rderte, die dem Staate zu gute kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun. Das Sch\u00f6ne ist nun, dass der Philosoph nicht nur keine Arbeit hat, er kann sogar ziemlich viel dazu sagen. Nach G\u00fcnther Anders sei der Arbeitslose der letzte <em>Mensch <\/em>in der technisierten Gesellschaft. Mensch im Sinne von, dass er nicht als Teil einer Maschine funktioniert, sondern eben seine Weltoffenheit beibeh\u00e4lt. Und Weltoffenheit ist diesem Philosophen ziemlich wichtig, weil der Mensch ohne Instinkte geboren wird und sich in neuen Umgebungen zurechtfinden muss. Bedenken Sie dieses: Die Menschen in der heutigen Zivilisation sind mit sehr \u00e4hnlichen Genen zu den Menschen der ersten Hochzeiten (also etwa 5.000 Jahre v. Chr.), doch die Umwelt in der wir aufwachsen ist eine v\u00f6llig andere. Und das, so Anders, mache den Menschen so einzigartig. Andere Tierarten k\u00f6nnen sich auch ihrer Umwelt irgendwie anpassen. Aber sie werden wohl nicht lernen, Atomwaffen zu konstruieren.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Wie dem auch sei. Ich bin kurz weggedriftet. Zehn Minuten sp\u00e4ter und der Text brachte mich auf einige verschlungene Pfade und ich bin schon wieder gut gelaunt. Es ist auch ein Jammer manchmal. Die Trauer kommt und ich sp\u00fcre sie einige Stunden vor mich hin. Und dann denkt ich mir, nutz doch den Moment, um diesem etwas Ausdruck zu verleihen und schon beim Schreiben ist sie verflogen. Ich habe nicht so h\u00e4ufig die Chance, die Worte aus der Emotion flie\u00dfen zu lassen. F\u00fcr traurige Texte bin ich oft zu keck. Und nun bleibt es mir wieder versagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ja, es wird noch eine Weile dauern, bis ich ordentlich lerne, \u00fcber Trauer zu sprechen. <\/p>\n\n\n\n<p>Was denken Sie? Driften Sie ruhig ab. Es wird schon noch die Gelegenheit kommen in Trauer dar\u00fcber nachzudenken, was einen \u00fcberhaupt bef\u00e4llt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trauer. Was verbinden Sie mit dem Wort? Eine Frage, auf die sie im stillen antworten k\u00f6nnen. Ich werde sie leider nicht h\u00f6ren, wenn Sie sie mir nicht direkt mitteilen. Und wissen Sie, ich h\u00fcte mich in letzter Zeit oft davor, davon zu sprechen. 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