{"id":198,"date":"2025-02-04T14:11:11","date_gmt":"2025-02-04T13:11:11","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=198"},"modified":"2025-02-04T14:11:13","modified_gmt":"2025-02-04T13:11:13","slug":"ueber-individuelle-grenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=198","title":{"rendered":"\u00dcber individuelle Grenzen"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich widme diesem Beitrag einem sehr sensiblen Thema. Es ist eines, mit dem ich mich eher intuitiv und subtil besch\u00e4ftigt habe. Es geht um pers\u00f6nliche Grenzen und wie diese gezogen werden. Ich m\u00f6chte aber auch meinen Standpunkt kurz darlegen: Ich betrachte mich als ein Kind, welches die Welt aktiv erforscht. Ich bin deswegen auch ein Idiot. Kinder sind idiotisch. Sie verletzen sich gegenseitig und denken sich nicht gro\u00df etwas dabei. Kindern werden von ihren Eltern erzogen und nehmen diese Sicht als absolut war, bis sie auf neue Erfahrungen sto\u00dfen und sie erkennen, dass diese Sicht wom\u00f6glich falsch war. Ich denke, dass mir diese Haltung sehr viel inneren \u00c4rger erspart hat, weil ich wie ein Kind kein festes Selbst entwickelt habe. Das Selbst wird meiner Ansicht nach nicht durch Sprache definiert, sondern durch Handlung. Wenn ich sage, ich bin Musiker, dann speist sich diese &#8222;Identit\u00e4t&#8220; nicht dadurch, dass ich so etwas behaupte, sondern, dass ich aktiv musiziere. Identit\u00e4t ist f\u00fcr mich daher nie etwas Festes, sondern immer darauf bezogen, was man tut, ohne es verbalisieren zu m\u00fcssen. Das habe ich von meiner Mutter gelernt: Sie erz\u00e4hlt schon eine Menge Bl\u00f6dsinn, aber alles was sie tut, beispielsweise f\u00fcr einen zu kochen oder Sachen f\u00fcr einen zu n\u00e4hen, die zeigen mir unmissverst\u00e4ndlich auf, dass sie eine tolle Mutter ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorweg: Ich habe mit 13, 14 Jahren einige psychologische B\u00fccher gelesen und daher kommt meine Neigung, extrem viel non-verbal zu kommunizieren. Bei meinen Eltern ist es auch so, sie sagen immer dieses oder jenes, und manchmal ergibt es f\u00fcr mich keinen Sinn. Aber ihre Handlungen und Ausdr\u00fccke, wie sie mich anschauen, sagen eigentlich alles aus. Wir sprechen in der Familie nicht besonders viel miteinander, aber ich denke, dass das meiste durch die Pr\u00e4senz ausgesagt wird. Meine Mutter findet mich sehr merkw\u00fcrdig, aber hat mich trotzdem lieb. Ich glaube, diese Art habe ich stark inkarniert. Wenn ich sage, dass ich Menschen &#8222;verstehe&#8220;, dann tue ich dies h\u00e4ufig auf einer non-verbalen Ebene. Menschen, die mir ungesch\u00f6nt Dinge sagen, verstehe ich h\u00e4ufig nicht. Ich achte selten auf das &#8222;Was&#8220;, sondern mehr auf das &#8222;Wie&#8220;. Ich glaube, das liegt auch an der Erkenntnis, dass 90% der Kommunikation non-verbal passiert und manchmal vergesse ich, dass es auch noch die 10% gibt, die doch verbal passieren. Zumindest ist es so, dass ich solange ich das Gef\u00fchl habe, dass die non-verbale Kommunikation nicht passt, die 10% nicht annehmen kann. Wenn jemand beispielsweise w\u00fctend ist, dann ignoriere ich das meiste, was die Person sagt, sondern konzentriere mich auf ihre Emotionen und versuche an dieser zu navigieren, bis man wieder auf einer Ebene ist, in der verbale Kommunikation gut funktioniert. Schriftliche Kommunikation ist daher nicht mein Spezialgebiet, ich hasse WhatsApp. Es funktioniert f\u00fcr mich entweder auf einer rein formellen Ebene oder wenn f\u00fcr beide Seiten klar ist, dass es nicht so wichtig ist, was man schreibt. Alles dazwischen ist f\u00fcr mich diffus und verwirrt mich einfach nur. Das ist \u00fcbrigens h\u00e4ufiger so, dass asiatische, lateinamerikanische oder afrikanische Kulturen stark auf diese non-verbale Kommunikation gerichtet ist, man bezeichnet diese kontextuelle Kommunikation auch als &#8222;high-context communication&#8220; w\u00e4hrend das Gegenteil, also nur auf die verbale Kommunikation zu achten (sprich alles &#8222;w\u00f6rtlich&#8220; nehmen) als &#8222;low-context communication&#8220;. Deutsche sind bekannt f\u00fcr ihre &#8222;low-context communication&#8220; (siehe z. B. <a href=\"https:\/\/www.mpikg.mpg.de\/5483753\/How-do-Germans-tick---Dez-14.pdf\">hier<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Dadurch habe ich h\u00e4ufig Probleme mit Menschen zu kommunizieren. Mir ist es irgendwie gar nicht so stark explizit aufgefallen, sondern eher implizit. Wenn ich jemanden sehe und merke, dass die K\u00f6rpersprache nicht zu dem passt, was die verbale Aussage ist, dann ist mein Eindruck, dass die Bedeutung irgendwo dazwischen liegt. In diesem Sinne meine ich auch, dass ich Menschen &#8222;sehr gut verstehe&#8220;. Es ist allerdings ein &#8222;Verstehen&#8220;, welches auf Konventionen und ungeschriebenen Regeln basiert, die ich mir bekannt sind. Andererseits ist es so, dass ich selbst sehr viel non-verbal kommuniziere. Viele Menschen bemerken das unbewusst (beispielsweise wenn man ruhig redet, wenig Reaktion zeigt, bewusst l\u00e4chelt oder einem in die Augen schaut). Aber meine Erfahrung ist, dass sie es h\u00e4ufig nicht richtig deuten k\u00f6nnen, da sie selbst wenig mit Menschen zu tun haben. In der Erfurter Schulzeit-Bubble war es so, dass irgendwie &#8222;jeder jeden&#8220; kennt und es mir deshalb so vorkam, als gebe es ein allgemeines Verst\u00e4ndnis dieser non-verbalen Regeln. Ich kann dadurch sehr gut zwischen aufrichtigem und unaufrichtigem Verhalten unterscheiden, doch vielleicht \u00e4ndert sich das alles ein wenig mit den neuen sozialen Spielregeln, die durch TikTok und Co erschaffen werden. Ich bin dahingehend noch sehr oldschool, was die Kommunikation betrifft. Es ist doch auch nervig, sich f\u00fcr alles erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen; Bilder und Taten sagen doch mehr aus als 1000 Worte (und die Liebe, die man durch eine Tat zeigt, ist sogar unausdr\u00fcckbar).<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahren ist vermehrt ein Ph\u00e4nomen aufgetaucht, welches sich der Kommunikation von Grenzen widmet. &#8222;Kenne deine Grenzen und kommuniziere sie&#8220;. So in etwa. Mir wurde gestern gesagt, dass ich da wirklich schlecht darin bin. Meine Auffassung ist, dass ich meine Grenzen sehr gut kenne, allerdings dr\u00fccke ich sie nicht aus. Sie sind zudem fluide und nicht an Prinzipien gebunden, sondern situativ. Wenn ich mich unwohl f\u00fchle, merke ich das und gehe (das machen \u00fcbrigens Pferde genauso). Und dann gibt es gar keinen Grund und auch keine M\u00f6glichkeit mehr, diese Grenze zu durchbrechen. Mir ist das erst jetzt bewusst geworden, dass ich das einfach auf eine nat\u00fcrliche Art und Weise mache, ohne dass ich explizit sagen muss &#8222;das ist meine Grenze&#8220;. Ich denke mir dann, dass Menschen eben eine andere Auffassung oder Wahrnehmung haben und komme manchmal sp\u00e4ter auf die Menschen zur\u00fcck. Ich denke mir, dass sie vielleicht &#8222;komisch&#8220; sind, aber ich unterstelle ihnen keine b\u00f6sen Absichten. Es ist mir nicht wichtig, dass die Interaktion klar kommuniziert wird, sondern dass es vage bleibt. In (s\u00fcd-)ostasiatischen Kulturen ist das h\u00e4ufig so, dass es keine Klarheit gibt. Vielleicht h\u00e4ngt das auch mit der meditativen Praxis zusammen: Worte sind einfach irgendwelche Gespinster, die im Kopf umherirren und die man beobachten kann. Egal, was im Kopf passiert, egal was man ausdeklariert, es \u00e4ndert nichts an der Welt. Es w\u00fcrde nur etwas an der Welt \u00e4ndern, wenn diese Gespinster in Taten \u00fcbersetzt werden w\u00fcrden. Und dann denke ich mir, egal, was Menschen tun, irgendwelche Gespinster haben sie dazu veranlasst, oder auch &#8222;Es gibt Gr\u00fcnde&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Gesellschaft hat es sich aber vermehrt breit gemacht, dass Menschen non-verbale Signale gar nicht mehr deuten. In der low-context Kommunikation, die durch die sozialen Medien noch mehr verst\u00e4rkt wird, konzentrieren sich Menschen nur auf das Einzelne, statt Bedeutungen im Kontext zu sehen. Es gibt einige wenige Ausnahmen, beispielsweise das Wort &#8222;Hallo&#8220;, welches man durch &#8222;Hallo???&#8220;, &#8222;Aber hallo!&#8220; oder &#8222;hallooo&#8220; unterschiedlich ausdr\u00fccken kann. So eine Art zu sprechen ist &#8222;high-context&#8220;. Und in Deutschland gibt es eher wenige Arten, dieses auszudr\u00fccken (eine weiteres lustiges Wort ist &#8222;hmm&#8220;). Vielleicht sind deswegen viele Menschen von mir \u00fcberfordert, da ich annehme, dass sie meinen Kommunikationsstil intuitiv verstehen. Schlie\u00dflich mache ich es ihnen gegen\u00fcber genauso, wenn die Stimme leiser wird bei einem Gespr\u00e4ch oder sie sich umschauen dabei, dann deutet es f\u00fcr mich darauf hin &#8222;das Thema ist mir unangenehm, lass uns das Thema bitte wechseln&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die Art etwas mitzuteilen ohne explizit zu sagen: &#8222;Du, ich h\u00f6re dir zu. Ich k\u00f6nnte etwas dazu sagen, aber ich glaube, ich m\u00f6chte nicht. Das hat nichts mit dir, sondern mit mir zu tun. Ich habe noch nicht dar\u00fcber nachgedacht und habe keine Meinung dazu, deswegen lass uns \u00fcber etwas anderes sprechen.&#8220; Ich glaube, ich k\u00f6nnte so etwas einfach sagen. Aber die meisten Menschen m\u00f6chten ja nicht zugeben, dass sie \u00fcber irgendwas noch nicht nachgedacht haben, weil das gleichzeitig in der Norm so etwas bedeutet wie &#8222;Ich habe noch nicht dar\u00fcber nachgedacht. Aber es klingt so, als ob es wichtig w\u00e4re. Ich scheine in diesem Thema unreflektiert zu sein und m\u00fcsste mich da selbst hinterfragen.&#8220; Stattdessen fasse ich es, im Gegensatz zum deutschen Perfektionismus, so auf: &#8222;Ich habe keine Ahnung \u00fcber dieses Thema und ich freue mich darauf, etwas dar\u00fcber zu lernen.&#8220; und dies wird bei mir so kommuniziert, indem ich jemanden in die Augen schaue, meine Stimme fragend stelle (so wie ein kleines Kind, welches mit gro\u00dfen Augen ein Geschenk aufmacht und aufgeregt fragt: &#8222;Was ist das? Was ist das? Was ist das?&#8220;) und mich dann zur\u00fccknehme, um Raum zu geben. Diese Taten kommunizieren zusammen genommen &#8222;Ich h\u00f6re dir zu&#8220; und stattdessen m\u00f6chten Deutsche gerne einfach nur h\u00f6ren &#8222;Ich h\u00f6re dir zu&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Menschengeschichte sind diese Mechanismen sehr stark verankert. Es zeigt dem Gegen\u00fcber, dass man ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr soziale Normen hat und sich diesen anpassen kann. In unterschiedlichen sozialen Milieus gibt es unterschiedliche Arten, miteinander zu reden und je nachdem, ob man die gleiche Praxis hat, wei\u00df man &#8222;dieser Typ geh\u00f6rt zu meiner Stammesgruppe&#8220;. Ich bin jemand, der in vielen verschiedenen Gruppen unterwegs war und mich stark an die Redepraxis anpassen kann. In linken Kontexten achte ich z. B. auch darauf, zu gendern und mich pr\u00e4ziser auszudr\u00fccken. Aber in meinem Alltag ist mir das meistens egal. Vielleicht ist da auch eine Diskrepanz zwischen &#8222;der akademischen Linken&#8220; und dem &#8222;proletarischen Arbeitervolk&#8220;: Sie distanzieren sich dadurch, dass sie unterschiedlich kommunizieren, um Gruppenzugeh\u00f6rigkeit auszudr\u00fccken und sich gegenseitig auszuselektieren. Mir ist diese Gruppenzugeh\u00f6rigkeit total egal, da ich Stabilit\u00e4t nicht aus sozialer Best\u00e4tigung ziehe, sondern aus meinem eigenen Schaffen. Ist doch egal, ob man diese oder jene Freunde hat, das macht einen nicht aus. Das, was einen ausmacht, ist, welche Ver\u00e4nderung man in der Welt bewirkt (zumindest ist das mein Anspruch). Es ist dabei egal, welcher Gruppe man zugeh\u00f6rig ist, es ist egal, ob andere denken, dass das, was man tut toll ist. Nur man selbst ist sich selbst Rechenschaft schuldig, n\u00e4mlich wenn man angesichts des Todes sagen kann &#8222;Ich habe ein gutes Leben gef\u00fchrt&#8220;, was auch immer &#8222;gut&#8220; f\u00fcr einen individuell bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Stammesdenken, welches urspr\u00fcnglich \u00fcber &#8222;ungeschriebene&#8220; Regeln geschah, scheint heutzutage sich immer mehr dahinzuwandeln, dass Menschen das Bed\u00fcrfnis haben, diese Regeln klar auszuschreiben. Je pluralistischer die Welt wird, desto mehr haben Menschen das Bed\u00fcrfnis, in diesem Chaos nach Stabilit\u00e4t zu suchen. Sie halten sich an Prinzipien, die ihnen ein klares Entscheidungskriterium zwischen Gut und B\u00f6se gibt. Vielleicht habe ich einen zu gro\u00dfen Nietzsche Einfluss gehabt, da dieser jegliche Prinzipien verneint. Wenn Nietzsche schrieb &#8222;Gott ist tot&#8220;, dann ist Gott nicht blo\u00df ein Ausdruck der Religion, sondern auch ein Ausdruck der absoluten Moral, welche in ihm verk\u00f6rpert ist. Die christlichen Menschen brauchen nicht vollst\u00e4ndig selbstst\u00e4ndig zu denken, da sie der &#8222;g\u00f6ttlichen Moral&#8220; folgen. Sie haben ihre 10 Gebote und orientieren sich an ihnen. Sie haben die Geschichten aus der Bibel, die verbildlichen, wie Jesus handelte. All das gibt es stabiles Weltbild, in dem die Weltgeschichte als eine Historie dargestellt wird, in dem der Mensch n\u00e4her zu Gott kommt. Und ich bin vermutlich so ein Ketzer, der meint, dass die Bibel auch nur ein Geschichtenbuch ist, welches aber sehr n\u00fctzlich ist, weil es uns zeigt, wie wir Grausamkeit verringern k\u00f6nnen. Ich glaube nicht an Gott, aber an die N\u00fctzlichkeit der 10 Gebote, um eine gerechtere Welt zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der individualisierten Gesellschaft, in der Gott gestorben ist, fehlt nun ein absoluter moralischer Standpunkt. Wenn wir nicht mehr die moralischen Regeln haben, dann stellen wir eben unsere eigenen Regeln auf oder \u00fcbernehmen die Regeln von unseren Mitmenschen oder Eltern, die uns anerzogen werden. Und manchmal (so wie ich) verwerfen wir sie, indem wir sie logisch auseinander nehmen und auf ihre Widerspr\u00fcche hinweisen. Aber das bedeutet gleichzeitig auch: Wenn ich deine Regeln hinterfrage, dann ist das auch ein impliziter Angriff. Ich glaube, ich greife Menschen implizit h\u00e4ufig an. Es ist aber nicht so, dass ich es aus Respektlosigkeit tue. Es ist eben wie ein Kind, welches ein Geschenk sieht und sich fragt: &#8222;Was ist das?&#8220;. Das liegt mitunter eben daran, dass ich selber zwar Grenzen habe, die verschieben sich f\u00fcr mich aber immer je nach Situation. Mir ist es doch egal, dass man &#8222;sowas nicht macht&#8220; (z. B. nicht kippelt, oder auf dem Boden von der Bibliothek zu schlafen), da es doch keine negativen Konsequenzen gibt. Der Sub-Kontext, der aber vermittelt wird ist, &#8222;ich ignoriere die ungeschriebenen Regeln, weil ich sie nicht anerkenne; sehr mich an, ich bin ein Rebell und tue und lasse, was ich m\u00f6chte&#8220;. Und vielleicht ist das auch ein bisschen so. Kinder knabbern auch alles und jedes an, bis man ihnen sagt, dass es schlecht ist. Allerdings gibt es auch gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Menschen sind prinzipien- statt konsequenzorientiert. Anders k\u00f6nnte man aber auch sagen: Sie k\u00f6nnen nicht einsch\u00e4tzen, was die Konsequenzen ihrer non-verbalen Kommunikation sind. Es muss ihnen explizit gesagt werden, &#8222;egal, was du tust, ich habe dich trotzdem lieb&#8220;. Wir streiten in der Familie ab und an, aber meine Eltern haben mir fr\u00fcher nie gesagt, dass sie mich liebhaben. Sie haben aber Dinge getan, die daf\u00fcr sprechen und das hat mir bereits ausgereicht. Ich habe gelernt, die Dinge so zu nehmen, was Menschen f\u00fcr mich tun, statt das was sie zu mir sagen. Worte sind wandelbar, haben keine feste Definition (beispielsweise das Wort &#8222;Aura&#8220; ist in der TikTok-Kultur ja ganz anders konnotiert als bei Walter Benjamin oder noch fr\u00fcher vor dem 20. Jahrhundert). Aber viele westlich gepr\u00e4gt Menschen sind nicht dazu in der Lage, unklare Formulierungen auszuhalten. Und manchmal sind diese Formulierungen auch gar nicht unklar, weil der n\u00f6tige Subkontext mitgeliefert wurde, der aber nicht interpretierbar f\u00fcr sie ist. Aus diesem Grund m\u00fcssen Menschen ihre Grenzen explizit kommunizieren, weil viele von ihnen unf\u00e4hig dazu sind, die Grenzen durch non-verbale Kommunikation oder durch einfache Handlungen (&#8222;ich gehe weg&#8220;) auszudr\u00fccken. Das Sich-Entziehen f\u00e4llt vielen Leuten wohl schwer, weil es offene Botschaften vermittelt. Die g\u00e4ngige Interpretation ist vielleicht zweierlei: Zum einen hei\u00dft es &#8222;Ich geh\u00f6re hier nicht dazu&#8220; und andererseits &#8222;Du geh\u00f6rst nicht zu mir&#8220;. Aber oftmals hei\u00dft es bei mir dann einfach &#8222;mich langweilt das Gespr\u00e4ch, weil es gerade um das Thema XYZ geht und habe Dinge zu erledigen, aber vielleicht finden wir beim n\u00e4chsten Mal ein interessanteres Thema f\u00fcr mich. Unterhaltet euch aber gerne weiter, ich habe euch trotzdem lieb&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, dass Menschen heutzutage dazu neigen, diese vage non-verbale Kommunikation tendentiell negativ zu deuten (vor allem verursacht durch die Art und Weise wie Politiker kommunizieren [sie tun es unglaublich schlecht] und durch soziale Medien). Ich sage zwar immer, dass ich eher weniger schlechte Erfahrungen mache, aber das tue ich, weil ich denke, dass die meisten Menschen eine positive Absicht verfolgen. Wenn sie etwas tun, was &#8222;vage&#8220; ist, dann versuche ich es bestm\u00f6glichst zu interpretieren. Ich interpretiere es so, dass sie etwas Gutes f\u00fcr mich wollen, unabh\u00e4ngig davon, ob es wirklich so ist. Ich merke seltener mal auch, dass mir Menschen aktiv etwas Schlechtes wollen, aber selbst das sehe ich positiv, da ich das als Lernerfahrung nutze. Ich habe es gestern so ausgedr\u00fcckt: Egal wie schlecht ein Mensch ist, er zeigt wom\u00f6glich trotzdem positive Verhaltensz\u00fcge, auch wenn diese im Vergleich zu seiner Schlechtheit eher gering sind. Ich konzentriere mich trotzdem auf die positiven Sachen, weil ich mir bewusst bin, dass die schlechten Seiten durch Sozialisation oder Traumata hervorgebracht wurden. Sich auf die guten Seiten zu konzentrieren bedeutet daher auch, dass man diese aktiv im Umgang miteinander f\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich rede schon die ganze Zeit um das Thema Grenzen vorbei, aber ich m\u00f6chte aufzeigen, wie viel Psychologie und Stammesgeschichte da mit reinspielt. In deutschen Ausdr\u00fccken ist das Thema sehr schnell gegessen: &#8222;Ich sage, das ist meine Grenze und wenn du die \u00fcberschreitest, dann bist du mein Feind&#8220;. Und dieses Freund-Feind-Schema hat eine Historie, die mit der Entwicklung des (post-)modernen Menschens zusammenh\u00e4ngt (insbesondere durch diesen komischen Intellektuellen Carl Schmitt und die Nazi-Sozialismus-Trennung). Aus der Sicht von rechten Menschen sind die Linken alles Sozialisten und aus der Sicht von den Linken sind die rechten Menschen alles Nazis. Und beide denken, dass in der Mitte sich diejenigen positionieren, die zu unreflektiert sind, sich eine Meinung zu bilden. So entstehen einfache Schwarz-Wei\u00df-Geschichten, die einfach zu begreifen sind, die sich auch darin auswirken, wenn man seine individuellen Grenzen zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die individuellen Grenzen haben mit der aufkommenden Sensibilisierung aber auch eine identit\u00e4tsstiftende Funktion, in der sich Menschen selbstbeschreiben wollen und m\u00fcssen. Wer keine Identit\u00e4t hat (z. B. ich), ist ein Problem f\u00fcr die Gesellschaft, weil diese Person nicht zuzuordnen ist. Und wenn diese Person weder Freund, noch Feind ist, sondern einfach neutral, dann wei\u00df man nicht, wie man damit umzugehen hat. Mir ist diese Freund-Feind-Aufteilung und Gut-B\u00f6se-Aufteilung total egal. Das hilft \u00fcberhaupt nicht, aufeinanderzuzugehen, wenn wir in unserer Gesellschaft unsere Feinde st\u00e4ndig nur diffamieren. Aber ich kann verstehen, dass Menschen einen gro\u00dfen Halt darin sehen, wenn sie sich \u00fcber ihre Identit\u00e4t definieren. Dann kann man sagen, das, was ich morgen tue, steht nicht im Widerspruch zu dem, was ich gestern gemacht habe. Das w\u00fcrde eine unglaubliche Dissonanz ausl\u00f6sen, die in einem Unwohlsein endet. Dann m\u00fcsste man sich eingestehen, dass man gestern kompletten Bullshit gedacht hat. Ich denke ja h\u00e4ufig, dass ich kompletten Bullshit ab und an gedacht habe. Ich finde es aber am\u00fcsant. Was gestern war, war gestern, was heute ist, ist heute. Da w\u00fcrden einige sagen, dass ich mein R\u00fcckgrat verbiege oder was man auch sonst meinen mag. Ich glaube, dass es sinnvoller ist, sich von dieser Idee zu verabschieden, dass Identit\u00e4t irgendetwas bringt au\u00dfer Beruhigung. Und wenn man Beruhigung braucht, dann reicht es doch auch aus, anzuerkennen, dass die Welt im st\u00e4ndigen Wandel ist, oder nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Wandel funktioniert auch nach gewissen Regeln. In der Geschichte haben wir festgestellt, dass dieser Wandel in der Sprache auch immer ein Wandel in der Kultur war. Beispielsweise brachte Galileo die Beschreibung des heliozentrischen Weltbildes ein, in dem wir uns davon verabschiedeten, dass die Erde der Mittelpunkt des Kosmos ist. Freud sprach von den drei Kr\u00e4nkungen, die das ehemalige Menschenbild als Abbild Gottes ersch\u00fcttert haben: (1) eben jene kosmologische Kr\u00e4nkung, (2) die darwinsche Kr\u00e4nkung, dass der Mensch keine Sch\u00f6pfung ist, sondern vom Affen abstammt, und (3) die psychologische Kr\u00e4nkung, dass wir d\u00e4chten, wir seien &#8222;der Herr in unserem Haus&#8220;. All diese Kr\u00e4nkungen sind tief in der Kulturgeschichte verankert, die uns auch heute noch beeinflussen. Menschen sind eben nicht irgendwas Besonderes, sondern nur ein unwichtiger Teil einer unendlichen Geschichte des Weltalls. Alles, was au\u00dferhalb von uns stattfindet, interessiert die Sonne nicht (und da gibt es einige Forscher, die selbst die Sonne herausfordern wollen, weil sie sich mit der Kleinheit des Menschen nicht abfinden k\u00f6nnen). Und diese Erkenntnis veranlasst Menschen dazu, Stabilit\u00e4t und Bedeutung in ihrer Identit\u00e4t zu finden, die sie mit ihren Grenzen gegen alle Eindringlinge verteidigen. Wer die eigene Identit\u00e4t st\u00e4rkt, ist ein Freund, und wer sie angreift, ist ein Feind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich merke mittlerweile auf jeden Fall, warum mich Menschen m\u00f6gen und warum mich andere Menschen nicht m\u00f6gen. Ich treffe gar nicht so h\u00e4ufig auf Menschen, die mich nicht m\u00f6gen, weil ich bereits unbewusst durch meine Handlungen Menschen aussortiere, ohne dass man das explizit sagen muss. Aber h\u00e4ufig m\u00f6gen mich die meisten, wenn auch nur auf eine oberfl\u00e4chliche Art und Weise, weil ich gerade etwas Interessantes beizutragen habe, ohne dass man es in einem riesigen Gesamtkontext beleuchtet. Und manchmal gibt es Menschen, die man mag, die aber unf\u00e4hig sind, mir ihre Grenzen non-verbal mitzuteilen. Das ist dann auch einfach ein Fehler meinerseits, da ich akzeptieren muss, dass es Menschen gibt, die eine solche non-verbale Sprache nicht sprechen. Ich bin in meinem Leben auf eher weniger Menschen getroffen, die nur durch eine verbale Interaktion mit mir interagieren. Das liegt aber auch an meinen Hobbies: Wenn man musiziert, zeichnet, schreibt, Schach spielt, skatet oder auch Drogen konsumiert, dann gibt es ja bereits einen Rahmen, in dem jeder wei\u00df, was der Subkontext ist. Da wei\u00df man doch sofort, auf was man sich einzustellen hat, weil die Leute dort bereits die sozialen Konventionen kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem neutralen Setting hingegen fehlt dies vollst\u00e4ndig. In so einem Kontext ist alles m\u00f6glich und das be\u00e4ngstigt Leute. Mich be\u00e4ngstigt es teilweise auch noch ein wenig. Ich setze mich dem aber bewusst aus (weil es eine &#8222;\u00dcberraschung&#8220; verspricht, die Unsicherheit ist f\u00fcr mich eben &#8222;ein Geschenk&#8220;, was neue Erfahrungen enth\u00e4lt). Vielleicht kommt daher auch der Eindruck, dass ich h\u00e4ufig Grenzen \u00fcberschreite. Es liegt nicht daran, dass ich was B\u00f6ses im Sinne habe. Ich wei\u00df es einfach nicht besser. Und Leute glauben, nur weil ich Philosophie studiert habe, dass ich f\u00fcr jeden Schei\u00df irgendeine Antwort habe. Es ist komplexer. Es gibt eben keine falschen Antworten, es gibt nur falsche Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde es in Zukunft also eher so halten. Wenn sich Menschen unwohl f\u00fchlen, sollte ich aktiv sagen: &#8222;Ich bin ein Mensch, der sehr viel non-verbal kommuniziert. XYZ an deinem Verhalten lese ich so, dass du dich unwohl f\u00fchlst. Gibt es etwas, was ich \u00e4ndern kann? Was sind deine individuellen Grenzen?&#8220; anstatt in meinem Default-Mode vorzugehen, den ich sonst immer fahre. Ich muss dann aber auch ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr entwickeln, Menschen zu filtern, die stark verbal-orientiert sind. Das ist nicht so einfach, wenn man wie ich manchmal gar nicht zu h\u00f6rt, <em>was<\/em> gesagt wird, sondern nur <em>wie<\/em> etwas gesagt wird. Vielleicht kann man dann etwas Grausamkeit vorbeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch ein Punkt: Grausamkeit kann man nur durch Geschichten lernen. Entweder man liest solche Geschichten, h\u00f6rt sie von anderen oder erlebt sie selbst. Sie m\u00fcssen gut geschrieben sein, damit man die Grausamkeit wirklich versteht. Ich habe manche Dinge erst jetzt verstanden, weil es einen konkreten Anlass gab. Wenn Menschen ihre Grenzen ziehen, man sie \u00fcberschreitet und dann sagt die andere Person, dass man komplett b\u00f6se ist und einem nicht deutlich macht, wie wichtig es ist, dann verstehe ich es nicht. Ich verstehe es nicht, dass Menschen ihre Grenzen wichtig sind, weil ich selbst solche Prinzipien und starren Grenzen um meine &#8222;Identit\u00e4t&#8220; nicht habe. Ich glaube, es verbaut mir mehr als das es mir hilft. Eine Grenze ist ja immer zweiseitig, sie grenzt von au\u00dfen ab, doch man grenzt sich selbst auch zum \u00c4u\u00dferen ab. Wenn man mir eine Gruppenzugeh\u00f6rigkeit zu sprechen w\u00fcrde, dann gibt es nur eine: Die ganze Menschheit, in der wir alle leidf\u00e4hige Menschen sind, das es zu lindern gilt (das ist ein sehr humanistisch-gepr\u00e4gter Gedanke). Die B\u00f6sen sind maximal eine alienartige Rasse, die uns ausl\u00f6schen will, aber abseits von dem existiert f\u00fcr mich nur die Kategorie Freund ohne Feind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich widme diesem Beitrag einem sehr sensiblen Thema. Es ist eines, mit dem ich mich eher intuitiv und subtil besch\u00e4ftigt habe. Es geht um pers\u00f6nliche Grenzen und wie diese gezogen werden. Ich m\u00f6chte aber auch meinen Standpunkt kurz darlegen: Ich betrachte mich als ein Kind, welches die Welt aktiv erforscht. 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