{"id":170,"date":"2024-12-22T22:30:36","date_gmt":"2024-12-22T21:30:36","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=170"},"modified":"2024-12-22T22:30:48","modified_gmt":"2024-12-22T21:30:48","slug":"ein-selbstgespraech-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=170","title":{"rendered":"Ein Selbstgespr\u00e4ch #4"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen einen sch\u00f6nen letzten Advent. Ein besinnlicher Tag sollte heute sein, finden Sie nicht? Doch gleichzeitig r\u00fcckt auch ein gef\u00e4hrlicher Todestag n\u00e4her (denn wie wir wissen, bringen sich M\u00e4nner an Heiligabend proportional h\u00e4ufig um). Und ich bin jemand, der sich nie viele Sorgen um dieses heilige Fest gemacht hat. Aber nichtsdestotrotz mache ich mir um diese Zeit trotzdem Sorgen, nicht wegen des Festes, sondern weil die Leute nicht mehr arbeiten und ich dann pl\u00f6tzlich gezwungenerma\u00dfen zu Hause in Ruhe verbringen muss. Und auch wenn ich tags\u00fcber ein paar Stunden d\u00f6se oder wie heute mit alten Bekannten und Freunden unterwegs bin, schleicht sich bei mir doch immer dieser Besinnlichkeitsgedanke ein, der mich ein wenig erschaudern l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Der fr\u00fche Heidegger meinte, das Dasein ist das Leben zum Tode. Die Grundform der Existenz sei die Sorge, das Sich-Sorgen um dieses oder jenes. Wir h\u00e4tten H\u00e4nde damit zu tun, irgendwelche Erledigungen machen zu m\u00fcssen. Doch bei mir war das nie so richtig ausgepr\u00e4gt. Ich kenne es einfach nicht so gut. Ich habe fr\u00fcher schon die liebste Zeit in der Bibliothek verbracht, dieses und jenes gelesen und mir war schon fr\u00fch klar, dass ich irgendwann sterben werde. Und aus irgendeinem Grund habe ich mir fr\u00fcher auch eingebildet, dass ich, wenn ich so viel Unsinn wie fr\u00fcher treibe, einen sehr fr\u00fchen Tod sterben m\u00fcsste. Kinder haben komische Vorstellungen manchmal. Ich erinnere mich aber noch an merkw\u00fcrdige Tr\u00e4ume als ich in der Grundschule und in der f\u00fcnften Klasse. Es war irgendwie immer wieder das Gleiche, alle paar Wochen kam dieser Traum, dass ich an einer Br\u00fccke stand und aus irgendeinem Grund bin ich einfach die Klippe runtergefallen. Ich hatte gro\u00dfe H\u00f6henangst, aber aus irgendeinem Grund hatte ich weniger Angst vor dem Tod. Dabei sollte doch die H\u00f6henangst eigentlich daraus resultieren, dass man Angst vor dem Tod hatte, oder nicht? Bei mir war es nicht so.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte von diesem Traum mal in der f\u00fcnften Klasse erz\u00e4hlt. Und ich meinte, dass ich aufgewacht bin und dann war mein Penis sehr hart. Alle lachten. Damals hatte ich nicht verstanden, dass der Penis neben der Funktion des Urinierens auch eine sexuelle Funktion hatte, aber ich dachte, dass er auf jeden Fall anzeigt, wenn man wahnsinnige Angst hat. Und ich fand das Wort Penis sehr lustig, aber die anderen lachten nicht wegen dem, was ich gesagt hatte, sondern weil sie \u00fcber meine Ahnungslosigkeit lachten. Ich wei\u00df gar nicht mehr, ob es mir so doll unangenehm war, ich hatte wirklich wenig Scham (und Anstand), aber ich hatte bis heute nie wieder \u00fcber diesen Vorfall geredet (zumindest kann ich mich nicht daran erinnern). Doch dieser Traum, der in meiner fr\u00fchen Jugend immer wieder kam, ich kann mich an ihn erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Grund begleitete mich der Tod schon mit fr\u00fchen Erinnerungen. Dass man einfach so eine Klippe hinunterfallen k\u00f6nnte. Und ich glaube, \u201cYOLO\u201d war damals eines dieser Trendw\u00f6rter gewesen und mir kam es so vor, als interpretierten die meisten Menschen den Ausspruch ganz anders als ich. Ich habe ihn immer sehr ernst genommen und ich dachte mir immer, dass es so viel im Leben zu entdecken gab und ich wollte niemals in meinem Leben jemals alt sein und mir denken \u201coch schade, dass ich dieses oder jenes nicht getan habe\u201d. In all den B\u00fcchern, die ich gelesen habe (davon ganz viel das Magische Baumhaus) wurden immer so spannende Geschichten erz\u00e4hlt. Das Eintauchen in wunderbare Welten, die man sich sonst nie ertr\u00e4umen w\u00fcrde. Und ich war beim Lesewettbewerb in meiner Grundschule unglaublich gut und ich erinnere mich, dass uns immer zum Weltgeschichtentag (oder Tag des Lesens oder so) immer ein Buch geschenkt wurde \u201cIch schenke dir eine Geschichte\u201d. Und aus irgendeinem Grund ist das seit dem das einzige Geschenk, was ich immer haben wollte. Es gab nat\u00fcrlich auch sowas wie den Nintendo DS Lite, den ich mit gro\u00dfen Augen begaffte, aber je \u00e4lter ich wurde, desto weniger interessierten mich materielle Geschenke. Ich m\u00f6chte einfach nur eine sch\u00f6ne Geschichte h\u00f6ren. Das ist auch vielleicht der Grund, warum ich es so eilig in meinem Leben hatte: Was ist, wenn ich einfach irgendwie runterfalle und klatsch \u2013 bin ich tot. Ich wollte so viele Geschichten in meinem Leben lesen und vor allem <em>leben<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mich damals auch angetan hatten, waren Liebesgeschichten. Wissen Sie, wenn man sowas liest, was wirklich halbwegs poetisch geschrieben ist, dann m\u00f6chte man nicht mehr blo\u00df sowas Stumpfes erleben wie \u201cWir waren total betrunken, dann haben wir unter Drogeneinfluss sehr viel gelacht und sind in die Kiste\u201d. Sowas hatte ich auch gehabt, aber sowas f\u00fchlt sich so banal an, dass ich mich schon fast daf\u00fcr sch\u00e4men w\u00fcrde, wenn sowas passiert. Und das ist wirklich eine schlimme Dichterkrankheit: Ohne eine sch\u00f6ne Geschichte f\u00fchlt man sich leblos.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte mit sieben Frauen bislang eine intime Bettgeschichte gehabt. Aber ich kann ihnen auch sehr genau die Geschichte von ihnen erz\u00e4hlen, die Hintergr\u00fcnde und was ich daran toll fand, gerade mit dieser Frau etwas zu tun zu haben. Es sind Geschichten, die nur deswegen in meinem Leben Bedeutung gefunden haben, weil nur genau <em>diese<\/em> Frau Teil dieser Geschichte war. Letztlich ist es total egal, was f\u00fcr eine Geschichte es war, denn das Resultat ist schlie\u00dflich, dass ich mit ihnen einfach nur das getan habe, was junge Menschen tun, wenn sie keine Ahnung haben, was sie sonst miteinander anfangen sollen. (Bitte nehmen Sie meine Aussagen nicht so ernst, ich bin Poet und gleichzeitig Zerst\u00f6rer, denn die Realit\u00e4t ist ohne Poesie ein n\u00fcchterner Ort an dem Dinge einfach passieren ohne dass sie irgendwas Erhabenes haben.) Und die Frauen haben mich bis auf eine Ausnahme alle verlassen. Die haben sich nie f\u00fcr die Geschichten interessiert und vielleicht ist das auch das Schicksal von einem versessenen Schreiberling wie mir. Es sind alles Erz\u00e4hlungen, die einen \u2026 nun ja \u2026 tr\u00f6sten? Einen daran erinnern, dass man selbst nicht blo\u00df ein zuf\u00e4lliges Konstrukt ist? Das egal, was in meinem Leben passiert, die Geschichten immer bleiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme nochmal darauf zur\u00fcck: Ich hatte fr\u00fcher gro\u00dfe Angst, zu sterben und dabei ein Leben ohne Geschichten gef\u00fchrt zu haben. Es geht nicht darum, wie viele Jahre ein Leben hat, sondern wie viel man gelebt hat. Und meiner Ansicht nach konnte man es einfach extrem beschleunigen \u2013 n\u00e4mlich in dem man viele Anleitungen liest, wie man denn leben k\u00f6nnte (und das dann auch in die Tat umsetzt). Ich hatte beispielsweise eine <em>unglaubliche<\/em> Angst davor gehabt, als Jungfrau zu sterben. Es ist schlie\u00dflich so \u2013 ich spreche jetzt aus einer gef\u00fchlten Wirklichkeit \u2013 keine Frau hatte sich je ernsthaft f\u00fcr mich interessiert (also bis auf meine Mutter). Den meisten geht es auch nicht um die andere Person, sondern darum, dass sie jemanden haben, auf den sie ihre Tr\u00e4ume projizieren k\u00f6nnen. Und das ist bei vielen so, bei manchen verschwindet irgendwann der Traum und sie haben das Gl\u00fcck, dass sie gemeinsam in die Realit\u00e4t schreiten. Ich glaube, so entstehen die meisten Paare, sie entstehen mit einem Traum und pl\u00f6tzlich wachen beide auf und merken, dass noch viel mehr dazu geh\u00f6rt als blo\u00df das ewige Liebesversprechen, doch sie wachen gemeinsam auf. Ich hatte sieben Tr\u00e4ume gelebt und bin irgendwann alleine aufgewacht. Aber immerhin, ich werde nicht als Jungfrau sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach meiner ersten Beziehung stand ja schon fest, dass ich nicht mehr als Jungfrau sterben werde. Und dann stellt sich die Frage \u201cWas m\u00f6chte ich nun noch unbedingt erleben, bevor ich sterbe, weil YOLO\u201d. Und dann ging es nicht mehr um irgendwen, sondern um <em>die sch\u00f6nste Frau der Welt<\/em> (ich hatte schon mal an anderer Stelle geschrieben, dass es einfach eine \u00dcbertreibung von Liebenden ist \u2013 wie k\u00f6nnte man mit jemanden zusammen sein, wenn man nicht denkt, dass es die sch\u00f6nste Frau der Welt ist \u2013 und dann besteht nicht die Gefahr, dass man mal fremd gehen w\u00fcrde, wenn man so jemand hat). Und mit meinen zarten 21 Jahren traf ich pl\u00f6tzlich die sch\u00f6nste Frau der Welt. Und es war die sch\u00f6nste Frau, weil sie gleichzeitig tiefsinnig als auch einfach war. Ich kann mich an den allerersten Augenblick erinnern, wie ich mit so einem rot-schwarz-gestreiften Longsleeve und dem Oversize-Basquiat-Shirt und einer leicht zerrissenen Dickies (aber zerissen, weil ich mich beim Skaten gepackt hatte) da sa\u00df. Und ich habe sie einfach angestarrt und sie hat einfach zur\u00fcckgeschaut. Dieses Starren war aber nicht intensiv. Es war wie zwei scheue Rehe, die sich im Wald betrachten (Walter Benjamin w\u00fcrde sagen, da war diese einmalige Aura, <em>eine Ferne so nah sie auch sein mag<\/em>), aber die Augen nicht voneinander abwendend. Und wissen Sie, das kuriose ist, ich kann mich auch erinnern, dass ich an diesem Abend auch noch irgendwelchen anderen Dinge gemacht habe, mit anderen Frauen gequatscht habe und auch mit Butzi und sonst wem. Aber der Rest ist alles unscharf. Aber dieses eine Reh mit schwarzem Rollpulli, blonden Haaren und so ganz dunklen, warmen Augen hat mich so tief ber\u00fchrt, dass ich diesen Augenblick seitdem nie verga\u00df. Sie gab mir ihre Nummer und paar Tage oder Wochen sp\u00e4ter, befand sie sich entbl\u00f6\u00dft in meinem dreckigen Studentenzimmer. An diesem Abend erlebte ich das zweite, was ich unbedingt vor meinem Tod erleben wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich seitdem noch ein wenig rumgetrieben, dieses oder jenes ausprobiert, mich mit mysteri\u00f6sen Gestalten und Drogen herumgeschlagen. Aber seitdem bin ich frei. Ich bin ein einfacher Mensch, obwohl das viele nicht verstehen. Ich m\u00f6chte einfach nur eine sch\u00f6ne Geschichte und ich wollte die sch\u00f6nsten Geschichten noch vor meinem Tod erleben. Es war alles viel zu schnell. Es war dann doch stumpfer, als ich es mir ertr\u00e4umte. Ich habe zwar noch Ziele, aber es sind keine Ziele, die mein Leben weiter bereichern w\u00fcrden. Es sind Ziele, die vor allem das Ziel haben, andere Leben zu bereichern. Es ist nicht mehr so, als w\u00fcrde mich irgendwas vor mich hertreiben \u2013 eine Zeit lang, nachdem die sch\u00f6nste Frau der Welt verschwand, machte ich ihr den Vorwurf, dass sie mein Leben beendete. Was hat man denn noch f\u00fcr einen Grund zu leben, wenn man die sch\u00f6nste Geschichte bereits erlebt hatte? Seitdem verliebte ich mich in eine zweite sch\u00f6nste Frau der Welt. Und auch da erlebte ich die sch\u00f6nste Geschichte, doch wenn man bereits eine sch\u00f6nste Geschichte kennt, da wei\u00df man gar nicht, ob man diese noch toppen k\u00f6nne (das ist ja auch egal \u2013 ich habe jetzt schlie\u00dflich zwei sch\u00f6nste Geschichten). Es macht keinen Unterschied, ob man eine sch\u00f6nste Geschichte hat oder zwei oder noch viel mehr. Das Sch\u00f6nste <em>war<\/em> man bereits. Und vielleicht gibt es noch besonders sch\u00f6nste Geschichten, die man erleben k\u00f6nnte, doch es ging mir ja blo\u00df drum eine davon zu erleben (denn vorher hatte ich blo\u00df nur sch\u00f6ne Geschichten erlebt). Wissen Sie, das einzige, was mich ein wenig bedr\u00fcckt ist, dass meine sch\u00f6nste Geschichte eben blo\u00df <em>meine<\/em> Geschichte war. Ich glaube, f\u00fcr die Frauen war ich vielleicht was besonderes, aber keine sch\u00f6nste Geschichte. Ich bin blo\u00df ein zerzauster Dichter.<\/p>\n\n\n\n<p>Es tut mir Leid, dass ich Sie mit diesen ganzen Worten volldr\u00f6hne. Ich gebe zu, ich hatte ja noch eine Verliebtheitsphase gehabt und das eine Lieblingsbuch von dieser jungen Frau noch nicht zu Ende gelesen (ich las etwa \u00be und dann haben wir den Kontakt abgebrochen und ich widmete mich dem Alltagstrott). Was soll man denn tun, wenn man zur Weihnachtszeit zu Hause hockt und schon ein St\u00fcndchen ged\u00f6st hatte? Das Buch, es k\u00f6nnte selbst eine (tragisch) sch\u00f6nste Geschichte sein. Es ist eine Geschichte, aber ich erlebe sie nicht, daher spreche ich lieber im Konjunktiv. Und es erinnert mich so lebhaft an meine eigenen Gef\u00fchle, die ich vor drei Jahren versp\u00fcrte. Dass Dinge passieren, die einfach magisch sind und man das Gef\u00fchl hat, dass es sowas wie Schicksal geben <em>muss<\/em>. Im Buch gibt es immer Schicksal. Da passiert nichts zuf\u00e4llig. Und wenn man sich selbst eine Geschichte erz\u00e4hlt, war das auch nicht zuf\u00e4llig. Man erz\u00e4hlt eben nur die Teile, die man h\u00f6ren <em>m\u00f6chte<\/em>. Die Realit\u00e4t ist nat\u00fcrlich viel komplexer, aber es ver\u00e4ndert nicht die sch\u00f6nste Geschichte und vor allem dieses einmalige Gef\u00fchl, dass man mit ihr erlebt. Wenn man sich den komplexeren Teil anschaut (z. B. dass es sowas wie depressive Verstimmung, paar weitere Kerle und Verwerfungen gab), dann kommen zu dem einmaligen Gef\u00fchl nur weitere dazu. Es ist aber nicht so, dass das Gef\u00fchl vom Sch\u00f6nsten irgendwie verblassen w\u00fcrde, sondern es gesellt sich einfach noch Trauer und Scham und Verzweiflung und Einsamkeit und und und dazu. Das sind alles irgendwelche Worte, ich hoffe Sie verstehen aber, wo es etwa hingeht. Ich las nun dieses Buch (es fehlen immer noch 40 Seiten) und ich denke an meine sch\u00f6nste Geschichte. So ist das nun mal. Andere Menschen lesen dieses Buch vielleicht und sie denken, dass sie gerne so eine sch\u00f6nste Geschichte h\u00e4tten. Und ich \u2013 ich halte es nicht aus, dass ich sie schon bereits hatte \u2013 dass es mit dem Tr\u00e4umen aus ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wissen Sie, es kommt noch etwas anderes hinzu. Vorgestern war ich mit einigen Atzen aus Erfurt saufen und in einem Club, in dem ich normalerweise nie Zeit verbringe. Einer von den Kollegen hatte als Sch\u00f6nling bereits einen Ruf und wie es das Schicksal wollte, sprach ihn ein junges 18-J\u00e4hriges M\u00e4dchen an. Sie war wirklich sehr s\u00fc\u00df. Und ich glaube, an diesem Abend erlebte sie vielleicht eine wirklich sch\u00f6ne Geschichte (vielleicht nicht die sch\u00f6nste). Doch man sah es in ihren Augen an, wie sie verliebt in den Sch\u00f6nling umherlief, naiv und \u00fcber alles M\u00f6gliche lachte, was er sagte. Man kann Menschen ansehen, wenn sie in ihrer Traumwelt sind. Und er, er ist blo\u00df ein halbbesoffener Dude, mit dem ich zu dritt vor ner halben Stunde ein bisschen Koks auf einer stinkenden Toilette gezogen hab, doch er lie\u00df sich von ihren Augen verf\u00fchren. Er war so ganz ungeschickt auf der Tanzfl\u00e4che (es lief M\u00e4dchen Pop), aber dadurch dass sie da war, ihn an die Hand nahm und eigentlich alles f\u00fcr ihn machte, dass er gar nichts falsch machen konnte, hat sie ihn in ihren Traum eingeladen und egal, wie dreckig die Situation um ihnen herum war, lagen sie sich in den Armen und k\u00fcssten sich ganz innig, obwohl sie sich erst f\u00fcr eine Stunde kannten. Sie m\u00fcssen sich vorstellen, ich bin ein Voyeurist. Ich tanze, schlie\u00dfe die Augen und schaue manchmal da hin und kichere einfach, dass ich dabei sein durfte und diese Geschichte als Au\u00dfenstehender miterleben durfte. Ich habe mir vielleicht auch ein bisschen gew\u00fcnscht, dass mir so etwas widerf\u00e4hrt, aber eigentlich interessiert mich das nicht. Es ist einfach blo\u00df dieser Wunsch, nochmal so dumm verliebt zu sein, wie man es mal fr\u00fcher war. So verliebt zu sein, als w\u00fcsste man kaum etwas von der Welt und erlebt pl\u00f6tzlich dieses ganz Unbekannte aber zutiefst Ber\u00fchrende. Dieses Gef\u00fchl vom Unbekannten und zutiefst Ber\u00fchrende, kann man dieses Gef\u00fchl nochmal erleben? (Ich muss sagen, bei ihr war es vielleicht das Gef\u00fchl vom Unbekannten, ob es sie zutiefst ber\u00fchrte, stelle ich doch ein wenig in Frage \u2013 aber sicherlich hat es sie mindestens verzaubert). Ich habe sehr lange nicht mehr das Gef\u00fchl vom Unbekannten versp\u00fcrt, Fremdes ja, aber nicht unbekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ich wei\u00df es nicht genau. Es bekommt mich so Bed\u00fcrfnis zum Seufzen ohne das ich w\u00fcsste, \u00fcber was es sein sollte. Vielleicht liegt es doch an Weihnachten. Ich hatte vorhin auch \u00fcberlegt, einen Brief zu schreiben, um diesen irgendwann mal der einen Frau zu geben, in die ich mich zuletzt verliebte (das ist aber nun auch schon ein halbes Jahr her). Einfach f\u00fcr eine Geschichte. Und ich w\u00fcsste auch nicht, wem ich sonst einen Brief schreiben sollte. Vielleicht ist es das. Wenn ich jetzt sterben w\u00fcrde, ich w\u00fcsste niemanden, dem ich unbedingt einen Brief schreiben wollen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ein merkw\u00fcrdiger Mensch. Leute machen sich sonst welche Gedanken zu Weihnachten. Und ich finde es bedauernswert, dass ich niemanden wei\u00df, dem ich einen Brief schreiben k\u00f6nnte \u2013 jemanden, dem ich eine letzte sch\u00f6ne Geschichte schenken k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber eigentlich w\u00e4re das ja gar nicht so eine schlechte Bedingung, um zu sterben. Ich habe derzeit noch keinen Grund zu sterben, aber immerhin w\u00e4re ich daf\u00fcr bereit, oder nicht? Vermutlich w\u00e4re es dem Universum v\u00f6llig egal\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Beenden wir dieses Gespr\u00e4ch einfach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen einen sch\u00f6nen letzten Advent. Ein besinnlicher Tag sollte heute sein, finden Sie nicht? Doch gleichzeitig r\u00fcckt auch ein gef\u00e4hrlicher Todestag n\u00e4her (denn wie wir wissen, bringen sich M\u00e4nner an Heiligabend proportional h\u00e4ufig um). Und ich bin jemand, der sich nie viele Sorgen um dieses heilige Fest gemacht hat. 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