{"id":157,"date":"2024-11-04T19:01:52","date_gmt":"2024-11-04T18:01:52","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=157"},"modified":"2024-11-04T19:04:46","modified_gmt":"2024-11-04T18:04:46","slug":"abschiedsnotiz-zu-magdeburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=157","title":{"rendered":"Abschiedsnotiz zu Magdeburg"},"content":{"rendered":"\n<p>Religi\u00f6sen Menschen ist gemein, dass sie an Ordnung statt Chaos glauben. Wenn man nicht den Eindruck haben m\u00f6chte, dass alles ein zuf\u00e4lliges, unwillk\u00fcrliches Zusammentreffen von Elementarteilchen ist, dann muss man sich daf\u00fcr eine gute Begr\u00fcndung ausdenken. Es scheint, dass in all dem Chaos in der ganzen Welt es immer wieder kleine Felder gibt, die eine gewisse Ordnung haben. Das einfachste Beispiel ist ein Stein. Egal, was in der Welt herum passiert, welches Chaos in der Welt umhertreibt. Es st\u00f6rt den Stein nicht (sagen wir mal, es ist ein Stein in der Brandung, ja?). Der Stein hat Struktur, die irgendwie fest und in sich gehalten ist. Und so wie er im Kleinen seine Ordnung hat, so haben die anderen Wesenheiten dieser Erde ihre <em>wesentliche<\/em> Ordnung (deswegen diese Wortwahl, okay?).<\/p>\n\n\n\n<p>Tiere und Menschen sind hingegen etwas anders als ein Stein, da sie Informationssysteme sind, die etwas mehr Anstrengung ben\u00f6tigen, eine innere Ordnung herzustellen. Das liegt an ihrer Struktur, in der Verhalten von Sinneseindr\u00fccken abh\u00e4ngig ist, sowohl in der \u00e4u\u00dferen Wahrnehmung (z. B. &#8222;ich sehe Brot&#8220;) als auch in der inneren Wahrnehmung (z. B. &#8222;mein Magen knurrt&#8220;). Und diese Informationssysteme sind in durch den dauerhaften Austausch mit ihrer Umwelt in st\u00e4ndiger Ver\u00e4nderung.Wenn die Umwelt nun sehr chaotisch ist, dann ben\u00f6tigt es etwas mehr Filterung. Wir erfahren das heute besonders: Eine ungefilterte Welt, die nur daraus besteht in einem Dorf geboren zu werden, dort zu leben und zu sterben und in dieser Zeit eben auch nur mit dem Dorfstamm verkehrt zu haben &#8211; so eine Welt ist unerfahrbar geworden. Aber in so einer hypothetischen Welt gibt es wohlm\u00f6glich keinen Grund zum Filtern, was gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Dort ist der Stamm und tauscht nur miteinander Informationen aus, die hoffentlich in ehrlicher Manier dem Stamm des Dorfes gut tun. Doch heutzutage ist der Austausch von Informationen in so einem gro\u00dfen Ma\u00dfe globalisiert worden, dass es sehr schwer geworden ist, \u00fcberhaupt irgendwelche Kategorien von Gut und B\u00f6se, Richtig und Falsch aufzustellen. Der Erfahrungshorizont des Einzelnen beschr\u00e4nkt sich nicht mehr auf die Eltern und Nachbarn, sondern zerstreut sich digital oder per Flugreise in der ganzen Welt. Es ist nun leider nicht der Fall, dass wir wie im Stamm mit den anderen Individuen unserer Spezies (also der Menschheit) interagieren, sondern selektiv filtern, wer oder was uns gut tut und dementsprechend unser Verhalten \u00e4ndern. Und das Gef\u00e4hrliche ist ja, das wir h\u00e4ufig in unseren Urteilen vergessen, dass diese Urteile darauf basieren, dass wir glauben, dass dieses oder jenes f\u00fcr uns gut tut. Entschuldige, diese schwammige Vorrede, ich bin noch etwas zerstreut.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wichtige war hier man verh\u00e4lt sich entsprechend seiner pers\u00f6nlichen Vorstellungen von Richtig und Falsch (das betrifft die rationalen Entscheidungen, z. B. bei der Frage &#8222;Ist es mir wert X\u20ac f\u00fcr Y auszugeben?&#8220;) oder Gut und B\u00f6se (das betrifft die ethischen Entscheidungen, z. B. &#8222;Sollte ich Y klauen?&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt sage ich nochmal zu meinem Ich aus der Zukunft hallo (der Text ist n\u00e4mlich f\u00fcr mich selbst und die schwammige Vorrede ist eine Abschreckung f\u00fcr die Leute, die ungern alles lesen). Es kommt mir schon fast vor, als m\u00fcsse ich Rechenschaft ablegen. Andererseits k\u00f6nnte ich mir auch denken, dass ich sobald ich in Erfurt zur\u00fcck bin alles von mir abf\u00e4llt. Muss irgendwas meiner letzten f\u00fcnf Jahre eine Bedeutung haben? Als ich Erfurt verlie\u00df, gab ich meine alte innere Ordnung auf, weil sie mir nicht gefiel. Ich wei\u00df gar nicht mehr genau, warum. Vielleicht war es einfach nur Abenteuerlust. Man k\u00f6nnte alles M\u00f6gliche hineininterpretieren oder neu erz\u00e4hlen, aber letztlich solltest du ja verstanden haben, das Gl\u00fcck nicht davon abh\u00e4ngig ist, was man denkt, sondern dass man ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber irgendwann werde ich ja \u00fcber 30 Jahre alt sein und meine grauen Zellen kann man hiermit sicherlich auf die Spr\u00fcnge helfen. Erinnere dich an die Bilder im Kopf, assoziiere frei und sei dir gewiss, dass du ein abenteuerliches Leben hattest (wobei jeder ein abenteuerliches Leben hat, man muss nur den Mut haben, es in einen Epos zu verpacken). Du hast dein Leben vielleicht ein wenig vergeudet, weil du getr\u00e4umt hast. Du hast davon getr\u00e4umt viele Geschichten erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, du wolltest nie dieser langweilige Mensch sein, der spie\u00dfb\u00fcrgerlich alles gut macht. Du warst das auch nie, hast es dir immer eingeredet, aber es gab doch immer eine gute Geschichte, die du erz\u00e4hlen konntest. Also vergiss deine Geschichten nicht. Deine Eltern und dein Umfeld haben es dir vielleicht ein wenig eingebrockt. In der Grundschule verbrachtest du mehr Zeit in der Bibliothek als auf dem Sportplatz. Dein K\u00f6rper und Kopf haben sich dran gew\u00f6hnt, dass Geschichten lesen und erz\u00e4hlen ein inneres Gl\u00fcck ausl\u00f6st. Ich hoffe du tr\u00e4umst nicht mehr so oft, daf\u00fcr gezielter. Gut, also nochmal zur Abschiedsnotiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Du zogst nach Magdeburg mit Richard, r\u00fcckblickend betrachtet dein langj\u00e4hrigster Freund in das Dachgeschoss einer Platte in der Neustadt. Wei\u00dft du noch, wie ihr dann am ersten Tag in die Nachdenker-Bar gegangen bist und Henny getroffen hast? Das Sketchbook, Klavier, sogar Andi war noch da. Und dann hat sich herausgestellt, ihr studiert zusammen. Sp\u00e4ter war dann die Ersti-Woche und du hattest bei einem Projekt Jugendlichen Graffiti beigebracht (daher der gelbe Spritzer auf dem Bad-Vibes Hoodie) und bist dann leicht erk\u00e4ltet zur Rally gekommen. Und dann hast du dich ja auch schon direkt verknallt in eine Kommilitonin. So ein Romantiker. Und hast ihr dann so Songs geschrieben und wolltest ihr alle m\u00f6glichen Geschichten erz\u00e4hlen. Vielleicht wolltest du die Geschichten nur erz\u00e4hlen, damit du diese Geschichte in einer Geschichte verwenden kannst (vermutlich bin ich verr\u00fcckt, wenn ich vor mir hintr\u00e4ume, werde ich manchmal zu einem inneren Regisseur, der schlechte Romcoms mit unfreiwilligen Schauspielern inszeniert). Nun ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Du hast schnell die st\u00e4dtische Szene kennengelernt, Skatespots, und dich direkt mit Bosse, dem Wessi, verkracht. Aber weil er einfach der beste Skate-Motivator und ein noch gr\u00f6\u00dferer Geschichtenerz\u00e4hler ist als du, konnte man sich ja dann doch anfreunden. Das Erntefunkfest und dann fingst du auch beim Uni-Radio an und hattest deine allererste Audio \u00fcber Hopfen&amp;Styles f\u00fcr das Live-Konzert angefertigt. Erinnere dich an die Kunst-Treffen, die du organisiert hattest. Du hast von Erfurt gelernt und vielleicht war das ja eine der ersten Dinge, die dich darauf aufmerksam gemacht haben, warum dir Erfurt schon damals gefehlt hatte. Und dann gab es noch diese eine komische Party mit der Journalismusstudentin, mit der du bisschen rumgemacht hattest und ne halbe Stunde sp\u00e4ter in den Fahrstuhl gekotzt (du reudiger). Kein Wunder, dass dir am n\u00e4chsten Tag dein Fahrrad geklaut wurde (aber nicht deine Ukulele! Der Herr hatte sicherlich seine Gr\u00fcnde). Und erfreu dich an der Zeit mit Richard, auch wenn es schwierig war. Ihr habt in League of Legends gut reingegrindet und gemeinsam gute Essen gehabt und Filme geschaut. Ihr seid beide zwei ganz sch\u00f6n gro\u00dfe Trottel, aber wirklich lustig.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kam dann die Corona-Pandemie und du hast gut f\u00fcr die Uni gelernt. 72 CP in 2 Semestern, Chapeau! Du warst noch unverbl\u00fcmt, total eingehegt, es lief nichts schief. Die ersten Erfahrungen musstest du dann damit sammeln, dass du im April 2020 eine Bu\u00dfgeldstrafe f\u00fcr Nichteinhaltung der 2-Personen-Regel erhalten hast (beim Petri). Irgendwann sp\u00e4ter das Jahr, gab es noch eine zweite Strafe (Tatort schauen). Zweimal musstest du bei saufen.io auf den Balkon kotzen. Es war alles bisschen komisch, online. Es tat dir sicherlich nicht gut. Ich kann mich jetzt schon kaum mehr an das Jahr 2020 erinnern. Aber wenigstens hattest du da deinen Blog angefangen, es gibt auch richtig coole Samples aus der Zeit. Und achja, im August 2020 hattest du den Bescheid f\u00fcr das Stipendium erhalten und in Ableton Live und Instrumente investiert. Wei\u00dft du noch, wie du damals angefangen hast Bratsche zu lernen und der arme Richard das mit anh\u00f6ren musste? Du hattest dann Bass gelernt und in einer Reggae-Band die Tasten mit Lukas gespielt. Und immer wieder an irgendwelchen Projekten teilgenommen, z. B. warst du ja im Sommer 2020 in den StuRa und FasRa der Universit\u00e4t gew\u00e4hlt worden. Erinnere dich auch mit einem kleinen L\u00e4cheln an die Menschen, die dir in der ehrenamtlichen Arbeit begegnet sind. Ver.di, Jusos, Hochschule, Living Room Gallery, \u00d6SHT. Du hattest \u00fcberall deinen Beitrag geleistet und deine Zeit nicht vergeudet.<\/p>\n\n\n\n<p>2021 war dein Jahr, welches eine innere Wende einleitete. Was war es, was dich antrieb? Du warst beim Uni-Radio, weil du Journalist werden wolltest. Irgendwas mit Philosophie. Irgendwas mit Schreiben. Nun ja. Dir wurde immer mehr bewusst, dass die Arbeit mit Medien und der Aufmerksamkeits\u00f6konomie eine sehr anspruchsvolle und nervenaufreibende T\u00e4tigkeit ist. Du hast immer mal wieder an Medienveranstaltungen (z. B. Tincon\/re:publica, Jugend-Medien-Tage) teilgenommen und erinnere dich an die hoffnungsvollen Medienschaffenden, die so wie du voller Tr\u00e4ume stecken. Doch du hast ja versprochen, nicht mehr so viel zu tr\u00e4umen, daher ist es vielleicht auch ganz gut, dass du dich da rausgezogen hast. Aber eine andere Sache nat\u00fcrlich, du hattest deinen allerersten ONS. Und weil du so ein unerfahrener Bub warst, hast du es nat\u00fcrlich auch direkt verkackt, weil du schon wieder zu viel getr\u00e4umt hattest. Erinnere dich an diese Geschichte, auch wenn sie im Nachhinein schmerzhaft ist, weil man sich ja eingestehen muss, dass man es verkackt hat (ich glaube, das schmerzhafte ist vor allem, dass man es so schnell verkackt hatte). Aber wei\u00dft du sonst noch viel von dem Sommer? Sechs Wochen lang nach dem gro\u00dfen Lockerungen hast du damit verbracht, dich in das Partyleben zu st\u00fcrzen, dabei f\u00fcnf bis sechs Tage in der Woche gefeiert und parallel halb n\u00fcchtern gelernt. Was wolltest du damit erreichen?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ja immer schon so gewesen, dass du dich an deinem Umfeld orientiert hast. Du hattest immer dieses Gef\u00fchl, wo du sein solltest und wo nicht. St\u00e4ndig tr\u00e4umst du davon, von einem anderen Ort, einem Nicht-Ort, einer Utopie. Richard und du habt derweil die Wohnung aufgel\u00f6st, ihn verschlug es nach Erfurt zu einem, ich nenne es mal Karthasis-Jahr. Und auf einmal trafst du im November 2021 auf die sch\u00f6nste Frau der Welt und fandest sie eines morgens neben dir im Bett aufwachen. Es hatte was in dir ver\u00e4ndert. Dir wurde klar, dass dein Traum, den du hattest, irgendwann auf eine solche Frau zu sto\u00dfen viel zu schnell Wirklichkeit geworden ist. (Aber dies war ja blo\u00df ein oberfl\u00e4chliches Urteil). Und dann verschwand sie nach ein paar Monaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Frauengeschichten wollen wir eigentlich gar nicht anfangen zu sprechen. Du hattest vorher nie richtig geliebt. Und wie du gelernt hast, lieben unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Art und Weise. Sich gegenseitig beschenken, Kommunikation, Aktivit\u00e4ten. Da gibt es ja viele Facetten, wie man diese gestalten kann. Und du Tr\u00e4umer bist so ein Langweiler, der sich am liebsten \u00fcber B\u00fccher und gro\u00dfe Projekte unterh\u00e4lt und einfach zu viel Spa\u00df daran hast, hunderte Pl\u00e4ne im Kopf auszuarbeiten, wie man diesen oder jenen YouTube\/TikTok-Channel gestaltet, wie man eine komplette Wohnung handwerklich selbst m\u00f6bliert, oder wie man theoretisch Bundeskanzler werden k\u00f6nnte. Letztendlich ist dir aber auch bewusst geworden, dass tr\u00e4umen und Geschichten erz\u00e4hlen keine besonders gro\u00dfartige Begabung ist. Und die sch\u00f6nste Frau der Welt hat vielleicht guten Grund gehabt, adieu zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hast du es nicht ertragen? Dass dein Traum, wie unsinnig und naiv er auch war, zerst\u00f6rt wird? Dachtest du, dass der Traum irgendwie weiter geht? Dass du irgendwas in diesem Traum ver\u00e4ndern k\u00f6nntest?<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht wollte dein Unbewusstes das auch so. Schlie\u00dflich hast du es doch geliebt, deinen Drogenmissbrauch auf die Liebe zu schieben. Andere Menschen tun dies schlie\u00dflich auch. Nein, vielleicht war das auch nicht so schlimm, in so einen Liebesschmerz zu verfallen. Rilke schrieb dazu, dass wir Kinder noch h\u00e4ufig Fehler in der Liebe begehen m\u00fcssen, bevor wir zwischen Mensch zu Mensch lieben. Es ist, als spielte man in der Liebe zwei Spiele. Das erste Spiel ist das einfachere und h\u00e4ufigere: Das Liebesspiel zwischen Mann und Frau (und ich gehe mal von dem heteronormativen 90%-Teil der Bev\u00f6lkerung aus), die der Herr in eine lokale N\u00e4he gebracht hat. Es ist bestimmt von den psychologischen und sozialen Traditionen, Erkennung und Darstellung von Symboliken und einer guten Bettgeschichte. Es ist das Spiel, in dem gefragt wird, &#8222;Kann ich mich sicher bei dir f\u00fchlen?&#8220; ohne die Frage zu explizieren. Das zweite Spiel ist jedoch das, woran die meisten immer wieder scheitern, im Liebesspiel zwischen Mensch und Mensch wird eine andere Frage bearbeitet: &#8222;Gebe ich einen Teil von mir f\u00fcr dich auf?&#8220;. Gib nicht zu viel von dir f\u00fcr sch\u00f6ne Frauen auf, vor allem nicht, wenn es zu mehr Alkohol und Weed f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dein Leben nahm noch auf eine zweite Weise eine Wende, als du anfingst dich n\u00e4her mit der moderneren Philosophie (Kritische Theorie, Neopragmatismus, Postph\u00e4nomenologie) zu besch\u00e4ftigen, die die Philosophie als Wissenschaft in Frage stellt. Ich w\u00fcrde aber sagen, auf produktive Weise, da ich mittlerweile der Ansicht bin, dass die philosophische Methode f\u00fcr die Akademie ist, aber Philosophie mehr eine Art Haltung ist als Wissenschaft. Diese Haltung verpflichtet, dass das Denken als Werkzeug aus einer Unvoreingenommenheit und einer m\u00f6glichst neutralen Absicht genutzt wird. Doch du musstest in deinem Institutspraktikum feststellen: Die Wissenschaft ist nicht durch eine solche Haltung gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es entstanden Verwerfungen in deinem inneren Weltbild. Parallel dazu verbrachtest du N\u00e4chte mit Liebesspielen der ersten Art und musstest lange mit deiner Verbitterung aufr\u00e4umen und zumindest kannst du dir vorhalten, dass du FFF Magdeburg nach Tanjas Abreise etwas Leben eingehaucht hattest und was auch immer dich rumtrieb. Tr\u00e4ume hattest du so viele, dass du dich nie f\u00fcr einen Traum entscheiden konntest, weil sie dich alle zum Grinsen brachten. Und pl\u00f6tzlich sind wir im M\u00e4rz 2023, deine Stelle als Tutor (Computational Neuroscience) lief aus und auch das Studium machte dir keinen Spa\u00df mehr. Es war ja eigentlich nicht mehr viel zu erledigen, doch dass du gemerkt hast, dass du in einem akademischen System steckst, in dem du nicht sein willst, hat dich innerlich ein wenig zerst\u00f6rt. Als ob die erfolgreichsten Menschen sich durch Exzellenz und G\u00fctigkeit auszeichnen. F\u00fcr Einstein und Ausnahmen mag das gelten, doch die meisten haben blo\u00df die Regeln des Diskurses gut durchgespielt (nicht ohne Grund gibt es den &#8222;Akademikersprech&#8220; ohne den man schwierig aufsteigt). Du stiegst aus deinem Stipendium aus und suchtest dir einen Teilzeit Job, diesmal an Wochenenden bei der Deutschen Bahn. Und oh wunder, du begegnetest pl\u00f6tzlich der zweiten sch\u00f6nsten Frau der Welt (wenn man jemanden liebt, gibt es doch nur Superlative).<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein holpriger Einstieg. Wei\u00dft du noch, wie du sie fragtest, ob ihr euch k\u00fcssen wolltet und dann hat sie sich in ihren Hoodie verkrochen und du hast dann einfach Klavier gespielt und sie fast geheult, weil ihr das ultra dolle peinlich war, dass sie gar nicht wusste, was sie machen sollte. Und nach und nach habt ihr euch angen\u00e4hert, gar nicht so viel miteinander gesprochen. Du fandest deinen Lieblingsanime &#8222;Banished from the Heroes Party&#8220;, der das g\u00e4ngige Abenteuer-Narrativ umkehrte: Nicht das Abenteuer ist das Ziel, sondern der R\u00fcckzugsort, den man gestaltet. Und so eine Person war pl\u00f6tzlich in deinem Leben und so begannst du wieder zu tr\u00e4umen von allen m\u00f6glichen Dingen. Aber mit der anstrengenden Realit\u00e4t, Geld zu verdienen, Versicherungen und was auch sonst noch dazu geh\u00f6rt, wenn man Sicherheit sicherstellen m\u00f6chte, das hast du einfach immer abgeb\u00fcgelt mit &#8222;Das wird schon&#8220; und &#8222;Man w\u00e4chst mit den Herausforderungen&#8220;. Allm\u00e4hlich traten auch die Probleme in der Beziehung auf und du lerntest, dass du einfach immer noch ein schlechter Zuh\u00f6rer bist und ein noch schlechterer Probleml\u00f6ser (in der Philosophie lernt man blo\u00df Probleme aufzustellen). Und auch die Anstellung bei der Deutschen Bahn entsprach so ziemlich genau ihrem Image.<\/p>\n\n\n\n<p>Du erinnerst dich noch sehr genau an die Skate-Session zum Neujahr 2023. Du erz\u00e4hltest Bosse, dass du nach Erfurt zur\u00fcckkehren musst. Es ist so merkw\u00fcrdig, aber in der Zeit in Magdeburg hast du sicherlich einfach ein Dutzend Mal geweint, weil du Heimweh hattest. Doch die R\u00fcckreise hast du nochmal wegen deiner Geliebten verschoben (und du Trottel hast nicht auf sie geh\u00f6rt, sie wollte, dass du deine Ziele verfolgst, aber du hattest viel zu gro\u00dfe Angst, dass eine Fernbeziehung in die Br\u00fcche geht) und bist stattdessen in eine selbstgew\u00e4hlte H\u00f6lle eingezogen (dort muss jeder mal durch, um zu wachsen). Aber die Beziehung h\u00e4tte sowieso nicht gehalten. Das hast du blo\u00df leider nach monatelanger Verdr\u00e4ngung und Ertr\u00e4nkung in WoW, Drogen und Discord einfach nicht anerkennen wollen. Ein Lichtblick: Du musstest in der vorlesungsfreien Zeit nicht arbeiten und hast einfach spontan eine Deutschlandreise gemacht und viele bekannte Gesichter wieder gesehen: Goethe, Marian, Theresa. Und du Trottel hast dich auf jemanden eingelassen, wo du schon von Anfang an wusstest, dass sie nicht die eine war (aber du dachtest die ganze Zeit, dass sie es werden k\u00f6nnte; sie hat genauso dumm getr\u00e4umt wie du, vielleicht sogar noch d\u00fcmmer). Doch die Realit\u00e4t zeigt irgendwann ihr wahres Gesicht (obwohl es wie in einem Film war). You are a douchebag-skater-fuckboy oder wie man das nennen m\u00f6chte, aber sie war so in dich verknallt und du hast sie abgeschossen, indem du ihr die Wahrheit gesagt hattest (n\u00e4mlich, dass du \u00fcber deine Ex nicht hinweg bist und sie eigentlich nicht so nice findest, du Arsch). Hoffen wir mal, dass du draus gelernt hast.<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich hat sich alles gewandelt. Du hattest wieder einen Job als Eiscreme-Macher, dann noch so ein bescheuertes Business angefangen, wo du dann letztlich doch mit 4-stelligem Verlust abgesprungen bist. Aktien und Krypto waren dann noch eine lustige und halbwegs sinnvolle Episode. Zudem hat sich deine Internet- und Drogensucht intensiviert und f\u00fcr dich war Magdeburg nur noch im Filter einer perspektivlosen Ein\u00f6de. Es lag nicht an Magdeburg. Magdeburg ist und war ein toller Ort. Dein Herz schl\u00e4gt halt blo\u00df f\u00fcr deine Heimat. Du hattest Magdeburg mehrere Chancen gegeben, aber du hast einfach viel zu viel erwartet und mit Erfurt verglichen (es gibt dies und das nicht, und die Leute sind schon eher rau und teilweise gewaltt\u00e4tig in Magdeburg). Der Traum ist aus. Sowieso war es seit der Trennung eher ein Alptraum, der mit gen\u00fcgend THC ausgehalten wurde. Doch langsam bist du aufgewacht, desillusioniert, frustriert \u00fcber deine eigenen Entscheidungen, die du getroffen hast, weil du optimistischer warst, als die Realit\u00e4t es zulie\u00df. Du glaubst an eine Gesellschaft, an die in Magdeburg nur eine Minderheit glaubt, da die Mehrheit geistig verarmt ist. Ja, du hast angefangen, deine Zeit in Magdeburg als Studie zur Armut zu interpretieren. Und vielleicht waren diese Erfahrungen gar nicht so schlecht, aber halte dich einfach davon fern. Es ist nicht deine Schuld, wenn Menschen unf\u00e4hig sind, ihr Leben zu \u00e4ndern. Es ist nicht deine Aufgabe, ihr Leben zu \u00e4ndern oder sie aus ihrer Traumwelt herauszul\u00f6sen. Wer seinen Tr\u00e4umen nachjagt, scheitert an der Realit\u00e4t und das werden die Leute ohnehin selbst begreifen (denn dir wurde es auch viel zu sp\u00e4t mitgeteilt).<\/p>\n\n\n\n<p>Was bleibt, sind Geschichten. Du hast noch weniger Geld als vor Magdeburg (aber daf\u00fcr einen Haufen an B\u00fcchern und Kulturkram). Und zuletzt bist du nochmal einer sch\u00f6nsten Frau begegnet, die dich dazu inspiriert hat, das Leben, was du dir hier ertr\u00e4umt hattest, \u00fcber Bord zu werfen. Du hast es direkt gesp\u00fcrt, ihr wart euch ein wenig \u00e4hnlich. Sie hat dir schlie\u00dflich einen Korb gegeben, mit der Begr\u00fcndung, dass sie noch gesund werden m\u00fcsse und du wusstest, dass das f\u00fcr dich eigentlich auch gilt (aber f\u00fcr zwei Wochen nochmal ein wenig Hormone zu verspr\u00fchen macht halt Spa\u00df). Du hattest hat dich selbst krank gemacht (oder zumindest teilweise, Corona und Russlands \u00dcberfall waren sicherlich keine Hilfen), du wusstest es. Du wusstest auch, dass du eigentlich gar nicht so gut darin bist, deine Schw\u00e4chen zu verdecken, aber in deinem Umfeld hat das auch niemand erkannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bist du weg. Bleiben die Menschen in deinem Herzen? Irgendwie kommt es dir bei vielen mittlerweile so vor, als h\u00e4tten sie blo\u00df mit dir gespielt. Die Menschen wollen unterhalten werden, sie sind s\u00fcchtig nach den Internetalgorithmen, die sie dauerhaft mit Dopamin versorgen und du bist ebenso gut darin, Leute damit zu hypnotisieren. Vermisst dich wer? Du glaubst es nicht, sonst h\u00e4tte ja irgendwer mal gefragt. Vereinzelt gab es da Leute. Aber die meisten gaben dir nichts. Sie konnten es auch nicht. Du hattest bereits alles, was du brauchst, nur woanders. Sie h\u00e4tten dir nichts geben k\u00f6nnen, au\u00dfer Ruhe. Aber in einer Stadt der sozialen Verwerfungen gibt es keine Ruhe, du hast dich mit zu vielen Leuten umgeben, die Krieg wollten. Und deine Ex-Freundin, die du so daf\u00fcr geliebt hattest, dass ihr fr\u00fcheres Hobby an die Decke starren war (was eine unironisch wirklich liebensw\u00fcrdige T\u00e4tigkeit ist), hat in dir st\u00e4ndig Krieg ausgel\u00f6st, Krieg zwischen Heimat und Liebe, so ein wenig der Narziss-Goldmund-Konflikt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein trockener Abschied. Du hast dich bei kaum jemanden gemeldet. Es gab keine Tr\u00e4nen. Du verbrachtest die letzte Zeit mit deinem alten Mitbewohner. Du verbrachtest die Zeit damit, in dich zu kehren, deine Trauer zu verarbeiten. Du wolltest niemanden erz\u00e4hlen, dass du Magdeburg hasst. Es lag nicht an Magdeburg, die Stadt ist, wie sie ist. Aber es lag an dir, dass du das nicht akzeptieren wolltest. Du wolltest niemanden erz\u00e4hlen, was in dir vorging, denn das h\u00e4tte bedeutet, noch eine Erinnerung da zu lassen. Eine Erinnerung an irgendeinen Wannabe. Du wolltest niemanden erz\u00e4hlen, dass du gro\u00dfe Fehler begangen hast. Aber letztlich ist das meiste egal. Magdeburg war blo\u00df ein Traum, jemand anderes zu werden. Erl\u00f6st von deinem eigenen Gr\u00f6\u00dfenwahn kehrst du nun zur\u00fcck und bist froh, dass du den ganzen Unsinn nicht deiner Heimat angetan hast.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffen wir, dass Magdeburg dir eine lebenslange Lektion erteilte: Demut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Religi\u00f6sen Menschen ist gemein, dass sie an Ordnung statt Chaos glauben. Wenn man nicht den Eindruck haben m\u00f6chte, dass alles ein zuf\u00e4lliges, unwillk\u00fcrliches Zusammentreffen von Elementarteilchen ist, dann muss man sich daf\u00fcr eine gute Begr\u00fcndung ausdenken. 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