{"id":149,"date":"2024-08-30T21:07:40","date_gmt":"2024-08-30T20:07:40","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=149"},"modified":"2024-08-30T21:09:32","modified_gmt":"2024-08-30T20:09:32","slug":"der-sinn-vom-sinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=149","title":{"rendered":"Der Sinn vom Sinn"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Frage nach dem Sinn eines individuellen Lebens ist eine recht veraltete Frage. Doch obwohl ich irgendwie schon bejahen m\u00fcsse, dass es aus philosophischer Sicht keine befriedigende Antwort darauf gibt, was denn der Sinn des Lebens ist, so kommt man aus irgendeinem Grund doch immer wieder dazu, danach zu fragen. G\u00fcnther Anders bemerkte dazu einmal, dass die Frage danach ja immer mit einem &#8222;und was ist der Sinn vom Sinn?&#8220; und &#8222;was ist davon der Sinn?&#8220; sich unendlich fortf\u00fchren l\u00e4sst. Doch darauf eine philosophische oder metaphysische Antwort zu geben, habe ich seit der Lekt\u00fcre von Nietzsche und der kritischen Theorie schon seit drei Jahren aufgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher stelle ich die Frage nach dem individuellen Sinn aus einer pragmatischen und psychologischen Sicht. Es w\u00e4re nat\u00fcrlich befriedigender, wenn man eine universelle Antwort findet. Doch ob diese Antwort dann in irgendeiner Weise dazu beitr\u00e4gt eine Besserung f\u00fcr das eigene Leben herbeizuf\u00fchren, ist dann auch eine blo\u00dfe Wette. Und ich wette (n\u00fcchtern) sehr ungerne. Ich frage daher eher danach, ob es das Leben lebenswerter macht, diese Frage zu stellen und dies m\u00fcsse ich doch bejahen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin vor kurzem auf den Neurologen Viktor E. Frankl gesto\u00dfen und habe sein Buch &#8222;&#8230; Trotzdem Ja zum Leben sagen &#8211; Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager&#8220; gelesen. Auch wenn es fragw\u00fcrdig ist, dass sich die Mehrheit von diesem Buch angesprochen f\u00fchlt, so ist es doch sehr interessant, den Kontrast zwischen dem heutigen Leben, in dem jeder fast alle M\u00f6glichkeiten hat, und dem KZ-Leben, in dem man praktisch aller M\u00f6glichkeiten beraubt ist, zu betrachten. Es ist wohl sehr unanst\u00e4ndig, die Folter eines KZs mit der heutigen Zeit zu vergleichen. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch Frankl selbst schrieb, dass es unerheblich ist, wie schlimm es denn sei: Jeder durchlebt sein eigenes KZ. Und gerade die letzten Jahre gleichen einer kollektiven Neurose, in der wir die Corona-Pandemie durchlebt hatten &#8211; in der wir aus unserem allt\u00e4glichen Leben in einen Ausnahmezustand von gef\u00fchlter Unfreiheit gesto\u00dfen worden sind. Gewisserma\u00dfen bin ich immer noch erbost dar\u00fcber, dass ich zwei Geldstrafen zahlen musste, obwohl ziemlich sicher keine reale Konsequenz (also ein Tod) verursacht wurde und ich zumindest die Sinnhaftigkeit des Eingesperrtseins stark hinterfragte. So wie sich die H\u00e4ftlinge den willk\u00fcrlichen Folterungen der SS-M\u00e4nner ausgesetzt sahen, so kamen mir einige Punkte der Corona-Politik vor wie eine Bestrafung durch das Gewaltmonopol der Regierung (und der Leser darf mir in dieser Hinsicht gerne widersprechen). Und vielleicht muss ich diesen unanst\u00e4ndigen Vergleich auch ziehen, da unsere Generation gar nichts Schlimmeres erleben konnte, was wir unseren flei\u00dfigen Vorfahren zu verdanken haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist jedoch vor allem diese Erfahrung, dass man in seinem K\u00f6rper und seinem Handeln so massiv eingeschr\u00e4nkt wurde, dass man nicht mehr frei entscheiden konnte und auch nicht frei sprechen durfte. Dass man das Gef\u00fchl einer st\u00e4ndigen Kontrolle, einer st\u00e4ndigen Bestrafung ausgesetzt war, wenn man sich nicht den Regeln f\u00fcgte. Nat\u00fcrlich hatten die Ma\u00dfnahmen einen rationalen Zweck, doch emotional und psychologisch gesehen, war dies doch eher eine Unterdr\u00fcckung &#8211; insbesondere im l\u00e4ndlichen Raum. Der gef\u00fchlte Verlust der Freiheit war zugleich der gef\u00fchlte Verlust der Demokratie und Wirkerfahrung. Und ebenso wie die H\u00e4ftlinge blo\u00dfe Nummern waren, so waren meine Geldstrafen blo\u00dfe Aktenzeichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits ist es nicht nur diese Erfahrung, die einen die Sinnhaftigkeit des Welttreibens fragw\u00fcrdig erscheinen l\u00e4sst. Die Profiteure waren multinationale Digital- und Pharmakonzerne. Und wer genug Geld hatte, konnte sich seine Freiheit ohne gr\u00f6\u00dfere Probleme kaufen. Und selbst die Massen wurden mit wenigen Almosen und ermutigenden Worten abgespeist, die jedoch an der Lebensrealit\u00e4t nur wenig ver\u00e4nderten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir nun bei dieser Analogie bleiben, dann erinnere ich mich, dass das erste Jahr weniger schlimm war, als erwartet. Ich hatte noch gro\u00dfe Pl\u00e4ne und einen Lebenssinn &#8211; mein Plan zwischen 2019 und 2021 war es noch Journalist zu werden und die Massen durch kluge, unkonventionelle Nachrichten zu beeinflussen. Meine eigene Vision vom Leben konnte mir die Politik damals noch nicht nehmen und lie\u00df mich mein Studium die ersten zwei Corona-Semester noch sehr stringent durchziehen. Und auch nachdem ich merkte (gerade durch die Corona-Berichterstattung), dass unser journalistisches System \u00fcberwiegend von fragw\u00fcrdigen, zu systemtreuen (und teilweise zu regierungstreuen) Menschen kuratiert wird, folgte eine Zeit der Sinnlosigkeit und das Abdriften in eine Cannabissucht, die mir r\u00fcckblickend sehr surreal vorkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Frankl zitierte Nietzsche: &#8222;Wer ein Warum zum Leben hat, ertr\u00e4gt fast jedes Wie&#8220;. Doch was ist nun, wenn man f\u00fcr sich feststellen muss, dass das Warum eine blo\u00df romantisierte Vorstellung war, die ein authentisches Wie praktisch ausschlie\u00dft? Ich studiere Philosophie und Neurowissenschaften und Plan A und B (das war dann die akademische Karriere) wurden durch den Umgang mit Corona und dem kritischen Hinterfragen unseres ideologischen Wissenssystems f\u00fcr mich zerst\u00f6rt. Selbst mein Aktivismus in der linksgr\u00fcnen Bubble hatte meine Erwartungen, dass sich irgendwas realistischerweise zum Guten wendet, zunichte gemacht. Denn die traurige Wahrheit ist, dass sch\u00f6ne Worte die Realit\u00e4t nur anders interpretieren, aber nicht ver\u00e4ndern. Und im letzten Jahr ist meine Hoffnung auf einen Sinn hinter irgendwas nach der Trennung mit meiner Ex-Freundin, die f\u00fcr mich einem Lottogewinn glich, komplett hinter einem Nebel brennender Joints ausgel\u00f6scht. Und ich sch\u00e4tze, dieser letzte November war der Beginn der gef\u00fcrchteten Quarter-Life-Crisis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, ich habe aber auch verstanden, warum nach solch gro\u00dfen Entt\u00e4uschungen, ein Mensch beginnt, sich nur noch um Geld zu sorgen, da in einer solch kapitalistischen Welt, sich ja doch fast alles mit Geld kaufen l\u00e4sst, und dies sind in diesem Fall Aufmerksamkeit (was Qualit\u00e4tsjournalismus fast obsolet macht), Publikationen und gewisserma\u00dfen auch Liebe. F\u00fcr die meisten Institutionen und Konzerne sind die einfachen Menschen ja doch blo\u00df Konsumenten und Zahlen, was es schwer macht, sich diesem Business-Roulette zu entziehen. Man hat das Gef\u00fchl, um erfolgreich zu sein, muss man als Mensch sterben. <\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich nicht die Frage nach dem Sinn, sondern die Frage, wie man am besten die Welt so manipulieren kann, dass man nicht vor die Hunde geht und nochmal so j\u00e4mmerlich ohnm\u00e4chtig wird. Ich glaube, darin besteht die kollektive Neurose. Und sich diesem zu widersetzen erfordert einen starken Charakter und eine gut geschulte moralische Haltung. Und letzteres ist wohl das einzig praktische, was ich mir im Studium bescheren konnte, auch wenn die letzten Monate doch noch sehr neurotisch waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war dann tats\u00e4chlich die Begegnung mit einer jungen Frau, die mich aus irgendeinem Grund aufwachen lie\u00df. Ich habe auch keinen Kontakt mehr zu ihr, doch in ihrer Erscheinung steckte eine verborgene Erinnerung, die durch die Nebelschwaden zu mir hindurch drangen. Laut Frankl gibt es drei Arten, wie Menschen einen Sinn finden k\u00f6nnen und diese finden sich in der Liebe, in der Arbeit und\/oder darin, sich selbst in den Dienst einer gr\u00f6\u00dferen Sache zu stellen. Ich hatte den Samen aller drei Arten sehr deutlich gef\u00fchlt (sie ist eine sehr warme, angehende Therapeutin) und das ist wohl etwas, was ich eher selten finde, was wohl meinem selbstverschuldeten, hedonistischen Umfeld liegt. Doch auch wenn mir dieser Crush nach zwei Wochen eine Absage erteilte, hatte ich etwas gesp\u00fcrt, was mir lange versperrt blieb: Dass all der Unsinn, den ich fabrizierte, doch einen pers\u00f6nlichen Sinn hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man in so einem nebligen Dauerzustand ist, dann schiebt man ja blo\u00df alles vor sich her und jede Entscheidung f\u00fchlt sich an, als w\u00fcrde sie keinen Unterschied machen. Das ist das Gef\u00e4hrliche, wenn man die Gleichg\u00fcltigkeit als das angenehmere \u00dcbel ansieht. Und pl\u00f6tzlich wurde mir bewusst, dass man zwar die Entscheidungen, die das Leben von mir fordert, hinausz\u00f6gern kann, doch davor weglaufen, konnte ich nicht. Es ist sehr banal. Aber mit einem starken Willen, wirkt alles banal, genau so wie ein schwacher Wille jede Entscheidung wie eine Mordsaufgabe erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich glaube, das ist ja schlie\u00dflich doch das, was einen starken Willen schult: Die st\u00e4ndige R\u00fcckbesinnung auf einen zuk\u00fcnftigen Sinn. Dass ich diesen Blog seit \u00fcber vier Jahren f\u00fchre, hat ja auch keinen tieferen Sinn, wenn man bedenkt, dass ich keine besondere Lebensleistung vorzuzeigen habe. Pers\u00f6nlich ist es jedoch ganz n\u00fctzlich, wenn man seine Gedanken ab und an sortiert. Und eines Tages (diese Phrase erinnert mich an den gleichnamigen <a href=\"https:\/\/youtu.be\/Olverpk2-rU?si=I9BuwxiWI_Z1cmBW\">Song von den fantastischen Vier<\/a>) &#8222;ergibt alles einen Sinn&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe nun einige Entscheidungen getroffen, die mein Leben wieder ausrichten. Ich ziehe im November zur\u00fcck in meine Heimatstadt Erfurt, die ich \u00fcber alles liebe, und steige wieder dort in die st\u00e4dtische Kultur ein. Ich m\u00f6chte nun auch den dualen Lehramtsstudiengang f\u00fcr Regelschulen in Mathe und Technik anpeilen, quasi die n\u00e4chsten Generationen an Arbeitern ausbilden. Und vielleicht stehe ich irgendwann am Rednerpult in einer Schulaula und verabschiede einen Jahrgang als Schuldirektor, und habe die M\u00f6glichkeit, meine unbedingte Hoffnung an eine noch sch\u00f6nere Welt als heute weitertragen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Meine gro\u00dfen Tr\u00e4ume meiner Kindheitszeit sind vorbei. Der Versuch, einen monumentalen Durchbruch in der Wissenschaft oder \u00d6ffentlichkeit zu machen, hat mich bisher nur verbittert. Die n\u00f6tigen Ressourcen und Kr\u00e4fte liegen bei anderen Menschen. Das einzige, was mir bleibt, und das sehen ebenso Frankl und der renommierte Albert Einstein, sind mein Leben auf die Reihe zu kriegen und ein Vorbild f\u00fcr die Generationen nach uns zu werden, so wie es die gro\u00dfen Vorfahren vor uns gemacht haben. Und auch wenn es nicht das ist, was ich mir als Jungspund erhofft hatte, so ist es wohlm\u00f6glich dasjenige, wof\u00fcr ich am ehesten geeignet bin. Um mit den Worten von Frankl zu enden: &#8222;Es kommt nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben zu erwarten haben, viel mehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage nach dem Sinn eines individuellen Lebens ist eine recht veraltete Frage. Doch obwohl ich irgendwie schon bejahen m\u00fcsse, dass es aus philosophischer Sicht keine befriedigende Antwort darauf gibt, was denn der Sinn des Lebens ist, so kommt man aus irgendeinem Grund doch immer wieder dazu, danach zu fragen. 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