{"id":130,"date":"2024-06-23T22:28:07","date_gmt":"2024-06-23T21:28:07","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=130"},"modified":"2024-06-23T22:51:28","modified_gmt":"2024-06-23T21:51:28","slug":"leichtigkeit-in-einer-schweren-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=130","title":{"rendered":"Leichtigkeit in einer schweren Welt"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer mich n\u00e4her kennt, erahnt, dass ich ein schweres Gem\u00fct habe. Das war nicht immer so. Ich erinnere mich an ein Zitat von einem alten Vorgesetzten von mir: &#8222;Die Welt ist ein Spiegel deiner selbst.&#8220; Mittlerweile bin ich aber von diesem selbstbezogenen Punkt weg. Aus der eigenen Sicht erscheint die Welt nat\u00fcrlich immer als eine Erz\u00e4hlung, die man sich selbst erz\u00e4hlt. Aber da ich mir \u00fcber die Mechanismen des Gehirns zumindest grob bewusst bin und auch die Philosophie vor dem 20. Jahrhundert verworfen habe, glaube ich eher, dass man selbst ein Spiegel der Welt ist. Aber Welt und Selbst l\u00e4sst sich ohnehin schlecht trennen. Beides entspringt ja letztlich irgendwo in einer hinteren Kammer des Kopfes, damit man irgendwie irgendwas benennen kann, ohne die anderen komplett zu verwirren.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Welt oder das was mir pr\u00e4sentiert wird, scheint immer komplexer, verworrener und unkontrollierbarer zu sein. Erst in einer k\u00fcrzlichen Studie wurde dar\u00fcber berichtet, dass die heutige Jugend die einsamste Generation sei. Die Gr\u00fcnde sind vielf\u00e4ltig, insbesondere die fatalen psychologischen Folgen von Corona wurden weit f\u00fcr die Jugend untersch\u00e4tzt. Es ist auch nicht besonders aufbauend, wenn eine gesamte Generation zwei Jahre in ihren eigenen K\u00e4figen haust. Man besch\u00e4ftigt sich zu Hause ohne soziale Kontakte und f\u00fcr viele wurde das zun\u00e4chst als eine Entgiftung von FOMO (fear of missing out) besch\u00f6nigt. Doch auch diese Besch\u00f6nigung ist blo\u00df ein Opium der Machtlosigkeit der Massen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie viele andere Jugendliche auch, verbrachte ich einen Gro\u00dfteil meiner Zeit online. Im Internet. Oder mit B\u00fcchern. Kiffen, zocken. Es klingt alles nicht besonders romantisch, vor allem, wenn man noch voller Sturm und Drang ist und die Realit\u00e4t mit einer allgemeinen Depression reagiert. Und wie viele andere verliert man dann den Blick f\u00fcr die Realit\u00e4t vor der T\u00fcr und im eigenen Umfeld. <\/p>\n\n\n\n<p>Man verliert nicht nur die Realit\u00e4t, sondern das Internet hat gro\u00dfe Auswirkungen auf unsere Sprache, unsere Erfahrungen und unser haptisches Gef\u00fchl (sprich Ber\u00fchrungen). Dies f\u00fchrte nun dazu, dass sich die heutige Generation zunehmend voneinander entfremdet. Die k\u00fcrzliche Europawahl hat dies nochmal besonders gezeigt: Von den 16-24 J\u00e4hrigen w\u00e4hlten 17% die CDU, 16% die AfD, 11% die Gr\u00fcnen und ansonsten gibt es keine Partei, die \u00fcber 10% erreicht hatte. Von Massenbewegungen wie in den 70ern kann nicht mehr die Rede sein, stattdessen ist die Welt in einem Zustand von Partikularit\u00e4t zerfallen, in denen sich nur wenige Menschen begegnen, eine gemeinsame Sprache finden und \u00e4hnliche Erfahrungen machen. Die Vielf\u00e4ltigkeit und der zunehmende Individualismus sprechen eher daf\u00fcr, dass sich die Einzelnen weiter vereinzeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob man diesen Prognosen zustimmen m\u00f6chte, h\u00e4ngt sicherlich davon ab, inwieweit man \u00fcberhaupt meinen Worten folgen kann. Inwieweit sich unsere Sprachnutzung \u00fcberschneidet. Und ich bef\u00fcrchte, dass das bei mir ein Ding der Unm\u00f6glichkeit ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war schon immer ein Einzelg\u00e4nger. Ich habe mich f\u00fcr ein Philosophiestudium entschieden, weil ich mich mehr f\u00fcr Ideen statt Menschen interessiere. Ich glaube, das ist schon ein Grund, warum ich manchmal das Gef\u00fchl habe, als Mensch gescheitert zu sein. Doch zumindest hat mir das viele Vorurteile erspart: Ich bin unter einer linken Regierung aufgewachsen, dann war ich 2,5 Jahre in der SPD, bei FridaysForFuture, in verschiedenen Jugendpolitikprojekten, ich habe mich auch intensiv mit der Incel- und der MGTOW-Bewegung besch\u00e4ftigt, mit Feminismus, alter Literatur, neuer Literatur, Musik, Kunst(-geschichte), Popkultur, ich habe mehrere AfD-Anh\u00e4nger in meinem Umfeld kennengelernt, ich habe in 6 verschiedenen Niedriglohnjobs gearbeitet, ich war lange im Journalismus aktiv, ich habe angefangen in den Kapitalmarkt zu investieren, ich bin in der Drogenszene und kenne die Schwarzarbeit, ich h\u00f6re Klassik, Jazz und K-Pop, und habe alle m\u00f6glichen Dinge (wenn auch nicht mit dem n\u00f6tigen Durchhalteverm\u00f6gen) online probiert. Und ich habe auch eine Menge Frauen kennengelernt (ich m\u00f6chte das einfach mal explizit erw\u00e4hnen, weil ich schon denke, dass mir einige Hintergr\u00fcnde von der H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung immer noch versperrt bleiben). Und allein aus dem Grund, dass das jetzt schon so viel ist, wei\u00df ich, dass es noch viel mehr dort drau\u00dfen gibt und dementsprechend auch viele unsichtbare Menschen, die in ihrer Partikularit\u00e4t leben. Und was ist mein Fazit? Entfremdung in jedem Umfeld in dem ich bin, da eine kleine Stimme in meinem Kopf mir immer erz\u00e4hlen m\u00f6chte: &#8222;Das ist doch blo\u00df wieder einer von diesen partikularen Feldern&#8220;. Ich f\u00fchle mich irgendwie schon zu Hause auf dieser Welt, allerdings beschreibe ich meine Welt mit ganz anderen Mitteln und Worten als es die meisten tun. Anders kann ich mir dieses eigenartige Gef\u00fchl nicht erkl\u00e4ren, dass ich fast immer unzufrieden aus Diskussionen herausgehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter meint immer zu mir, dass ich mir um diese Dinge nicht so sehr den Kopf zerbrechen solle. Allerdings deute ich das auch blo\u00df so, dass meine Mutter ein Spiegel ihrer Welt ist. Sie ist im Vietnam-Krieg aufgewachsen, ist dann nach Deutschland gekommen und hat drei h\u00f6chst unterschiedliche Kinder gro\u00dfgezogen. Sie arbeitet seit 25 Jahren in ihrem Imbiss und auch vom Internet h\u00e4lt sie sich weitestgehend fern. Es scheint mir, als ob ich meine Sprache zu meiner Mutter verloren habe, seitdem ich ausgezogen bin und auch wenn ich sie sehr gut nachvollziehen kann, all das nicht so zu \u00fcberdenken, schaffe ich es nicht, diese Leichtigkeit aufzubringen, das Erlebte zu ignorieren oder zumindest einfach hinzunehmen als ob nichts w\u00e4re. Thug life, huh? Wenn man die Schwere nicht sieht, dann lebt es sich leicht. Vielleicht hat mir Rilke diese Leichtigkeit versaut, als er mich in meiner Phase voller Ideale so etwas lesen lie\u00df wie &#8222;Was von uns verlangt wird, ist, dass wir das Schwere lieben und mit dem Schweren umgehen lernen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich immer vor Leichtigkeit gescheut. Daran ist sicherlich auch meine letzte Beziehung zerbrochen. Ich hab sie mehrmals zum Weinen gebracht, einfach nur, weil ich angefangen habe, \u00fcber meine Gedanken zu erz\u00e4hlen. Weil ich in meiner Sprache geredet habe. Ich konnte auch in ihrer Sprache eine lange Zeit sprechen. Aber naja.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Tipps f\u00fcr mehr Leichtigkeit handeln dar\u00fcber sich auf das Positive zu fokussieren und dankbar zu sein. Ich glaube, die Frage, was positiv ist und was negativ ist aber auch nicht ganz trivial. Es tut mir seelisch ganz gut, mich der Schwere hinzugeben. Es gibt mir ein gutes Gef\u00fchl, wenn ich wei\u00df, dass an vielen Stellen nur ein kapitalistisches Spiel gespielt wird und auch wenn wir uns alle in diesem Rat Race befinden, das alles nicht echt ist. Nicht &#8222;echt&#8220; im Sinne von Leben? Ich wei\u00df es nicht genau, aber ein Gef\u00fchl gibt mir eine innere Best\u00e4tigung, dass die Welt uns darauf trimmt zu einer vollst\u00e4ndigen Ware zu werden, wenn wir wirklich erfolgreich sein wollen. So ist es mit allen gro\u00dfen Idolen, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werden diese Ideen auch blo\u00df Waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sch\u00e4tze f\u00fcr einen Sonderling wie mich liegt die Leichtigkeit im Hoffen. Hoffen kann ich ziemlich gut. Doch diese Woche war schwer. Darum schreibe ich. Schreiben ist Problem und L\u00f6sung zugleich: Wenn wir in der Einsamkeit der postmodernen Welt niemanden mehr finden, der die eigene Sprache spricht, dann schreibe ich sie nieder um mit mir selbst ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Vielleicht ist das die Leichtigkeit, die mir noch bleibt: das befl\u00fcgelte Wort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer mich n\u00e4her kennt, erahnt, dass ich ein schweres Gem\u00fct habe. Das war nicht immer so. Ich erinnere mich an ein Zitat von einem alten Vorgesetzten von mir: &#8222;Die Welt ist ein Spiegel deiner selbst.&#8220; Mittlerweile bin ich aber von diesem selbstbezogenen Punkt weg. 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