{"id":104,"date":"2023-12-24T13:16:09","date_gmt":"2023-12-24T12:16:09","guid":{"rendered":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=104"},"modified":"2023-12-24T13:16:32","modified_gmt":"2023-12-24T12:16:32","slug":"fortschritt-in-die-machtlosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schandschrift.de\/?p=104","title":{"rendered":"Fortschritt in die Machtlosigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich erinnere mich vage an eine Szene aus Boruto (das ist der nachfolgende Anime von Naruto, der die ganzen technologischen Ver\u00e4nderungen miteinbegreift), in der ein J\u00fcngling seinen Lehrmeister Folgendes fragte: &#8222;Lieber Meister, uns wird doch immer gepredigt, dass wir uns anstrengen sollen, damit der Wohlstand unserer Vorfahren erhalten werden kann und damit wir daran anschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Doch mir kommt es manchmal so vor, als wurden alle gro\u00dfen Geschichten schon geschrieben. Als g\u00e4be es schon zu viele Legenden. Ich w\u00fcsste nicht unter welchen Umst\u00e4nden ich mich f\u00fcr w\u00fcrdig erweisen w\u00fcrde, mich in die Reihe dieser Legenden zu gesellen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich davon das erste Mal h\u00f6rte, war mir, als wurde tief aus meinem Inneren gesprochen. Gef\u00fchlt gibt es in der Welt schon so viele Geschichten und Selbstrepr\u00e4sentationen, in denen der ewige soziale Krieg dargestellt wird. Und man muss wohl annehmen, dass es zwei Arten gibt, sich dem zu stellen: Entweder man ist ein totales Genie und \u00fcberfl\u00fcgelt alle anderen oder man widmet sich engstirniger, flei\u00dfiger Arbeit. Ich las ein wenig in der Biografie von Murakami weiter und auch wenn ich ahnte, er geh\u00f6rt zu der Art Schriftsteller der zweiten Kategorie. Und in dem Kapitel, das ich las meinte er auch, dass die meisten Leute erwarten, dass Schriftsteller, wenn sie denn schon spannende Geschichten schreiben, ja auch irgendwie interessant sein m\u00fcssen. Ich glaube, diesen Anspruch habe ich auch oft versucht, zu gen\u00fcgen und mir kommt es immer so ein wenig vor, als d\u00fcrfe man nichts interessantes schreiben, wenn man kein interessantes Leben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wir leben nicht mehr in Zeiten des Krieges. Wir haben eigentlich keinen Grund, uns der Not hinzugeben. Und ich w\u00fcrde auch sagen, dass ich auch ohne Not heute in einer Situation bin, die ich mir anders vorgestellt hatte. Manchmal gibt es mir richtig einen Kopffick, wenn ich mir vorstelle, was ich damals vor 5 Jahren erhofft hatte, wo ich heute bin. Ich w\u00fcrde sagen, ich w\u00e4re sehr stolz auf mich in der Hinsicht, dass ich ein sehr vielf\u00e4ltiges und &#8211; w\u00fcrde auch sagen &#8211; interessantes Leben hatte. Aber eigentlich geht es ja nur darum, irgendwas zu kompensieren. Murakami dr\u00fcckte es auch darin aus: Sein Leben besteht gr\u00f6\u00dftenteils aus Schreiben, Sport machen, vielleicht ein wenig ausgehen, aber mehr oder weniger ist das Leben einfach nur chillig und unaufregend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde auch gerne so ein Leben f\u00fchren. Ohne den Druck auf einen Selbst. Ich habe manchmal das Gef\u00fchl, dass mich das alles ein wenig kaputt gemacht hat. Und das liegt auch einfach daran, dass ich einfach unbedingt wissen wollte, wie das Leben ist. Jeder Lebensstil hat seine eigenen Angewohnheiten und diese herauszufinden und zu verstehen, hat mir immer eine gro\u00dfe Freude bereitet. Aber im Tiefsten, w\u00fcnsche ich mir eine heile Welt, wie sie mir in den vietnamesischen M\u00e4rchen geschildert wird. Das hei\u00dft, man f\u00fchrt ein einfaches, selbstautarkes Leben und schaut sich den ganzen Tag Natur an. Wenn man Gl\u00fcck hat, hat man auch noch ein kleines H\u00e4uschen und eine nette Familie. Und dann f\u00fchrt man sein Leben abseits vom Weltenkrieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ja auch der einzige Grund, warum Menschen andere \u00fcberhaupt f\u00fcr interessant finden. Es gibt irgendwie so einen unbewussten Kampf in der kollektiven Masse. Und dieser Kampf basiert nicht auf Liebe und Verst\u00e4ndnis oder irgendwas, sondern Ideologien, die sich gegenseitig verachten und das aber unter einem euphemistischen Deckmantel als Toleranz abtun. Wahre Toleranz, so sag ich das jetzt mal als anarchistischer Individualist oder wie man das nennen mag, zeigt sich in der Ignoranz. Ja, \u00fcberhaupt ist Ignoranz eigentlich eine sehr positive Eigenschaft, weil man sich mal aktiv rausziehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen heutzutage von einer Aufmerksamkeits\u00f6konomie, dass das neue Gold die gro\u00dfen Datenmengen sind. Jeder m\u00f6chte irgendwas von einem, dass man sich im Internet frei bewegt, suggeriert einem ja Freiheit, aber man muss sich gleichzeitig bewusst werden, dass man im Internet zu einer Ware degeneriert. Und hat man mal ein Label, dann muss man eben viel Marketing betreiben, damit sich das \u00f6ffentliche Bild in irgendeiner Weise \u00e4ndert. Wir haben wohl alle aus der Geschichte nur gelernt, so zu tun, als w\u00e4ren wir Adlige, da das damals wirklich die einzigen waren, die aus sinnlosen (Gott) Gr\u00fcnden sehr viel unn\u00f6tige Aufmerksamkeit erhalten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Okay, ich bin ein wenig abgeschwiffen. Sie sehen, es ist nicht einfach um diese Sache. Der Fortschritt der Menschheit zeigt sich darin, dass wir ignorieren verlernen. Wir haben keine Kontrolle \u00fcber unsere Gedanken. Wir k\u00f6nnen uns zunehmend weniger aussuchen, wer wir sein wollen. Man k\u00f6nnte es sehen. Und ich glaube, dass Menschen in dieser Ohnmacht, Privatsph\u00e4re wieder richtig sch\u00e4tzen lernen (ich wollte eigentlich irgendwo anders hin, aber jetzt hab ich diesen letzten Lehrspruch, damit ich enden kann).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich erinnere mich vage an eine Szene aus Boruto (das ist der nachfolgende Anime von Naruto, der die ganzen technologischen Ver\u00e4nderungen miteinbegreift), in der ein J\u00fcngling seinen Lehrmeister Folgendes fragte: &#8222;Lieber Meister, uns wird doch immer gepredigt, dass wir uns anstrengen sollen, damit der Wohlstand unserer Vorfahren erhalten werden kann und damit wir daran anschlie\u00dfen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[9,14],"tags":[],"class_list":["post-104","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-schreibversuche"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schandschrift.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/schandschrift.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schandschrift.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schandschrift.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schandschrift.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=104"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/schandschrift.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105,"href":"https:\/\/schandschrift.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104\/revisions\/105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schandschrift.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schandschrift.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schandschrift.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}